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Leonardo Boff: „Das Weltsozialforum ist ein Symbol für Widerstand, Hoffnung und die Suche nach Alternativen“

 

 

Ende März ging ein weiteres Weltsozialforum zu Ende. Der Weg des Weltsozialforums, das bis heute der globale Treffpunkt der sozialen Bewegungen ist, begann 2001 in Porto Alegre in Brasilien. Dieses Jahr fand es vom 24. bis 28. März in Tunis statt. Im Gespräch mit Sergio Ferrari legt Befreiungstheologe Leonardo Boff einen analytischen Blick auf die Weltlage. Der grenzenlose Fortschrittsglaube habe die Erde an die Grenzen ihrer physischen Belastbarkeit gebracht, warnt Boff. Umso dringender sei die Suche nach Alternativen. Dazu ist das Weltsozialforum ein wichtiger Resonanzkasten.

 
Leonardo Boff im Gespräch mit Sergio Ferrari, übersetzt von Theodora Peter
 
 
Leonardo Boff, wie sehen Sie die Lage des Planeten Erde zu Beginn des Jahres 2015?
 

Leonardo Boff: Die soziale Krise und die unbeschränkte Ausbeutung der Natur haben zu einer schwierigen Situation geführt. Die Modernität predigt den Fortschritt ohne Grenzen. Als Planet mit beschränkten Ressourcen erträgt die Erde kein solch unlimitiertes Vorhaben. Wir haben die Grenzen der physischen Belastbarkeit der Erde erreicht. Sie braucht eineinhalb Jahre um zu ersetzen, was wir ihr innerhalb eines Jahres wegnehmen. Auf der anderen Seite sehen wir uns einer mentalen Krise gegenüber, da unser Geist durch Anthropozentrismus – der Selbstbezogenheit des Menschen – verseucht ist. Der Mensch nimmt sich als Mittelpunkt wahr, und der Wert anderer Lebewesen wird an ihrer Nützlichkeit für den Menschen gemessen. Dieses Verständnis ist sehr schädlich für das Gleichgewicht der Erde. Denn es verkennt den Wert an sich jedes Lebewesens, unabhängig vom Nutzen für den Menschen. Dies führt zur Respektlosigkeit gegenüber dem anderen.

 
Welche Konsequenzen hat dies?
 

Wenn wir es nicht schaffen, dieses Paradigma zu verändern, droht uns das gleiche Schicksal wie den Dinosauriern: Sie verschwanden aufgrund einer ökologischen Katastrophe nach immerhin 133 Millionen Jahren Existenz von der Erde. Klar, es muss produziert werden, um den Bedarf der Menschheit zu decken. Doch diese Produktion muss nicht nur den natürlichen Rhythmus respektieren, sondern auch die Toleranzgrenze jedes Ökoystems kennen, um diesen nicht unwiederbringlich zu schädigen. Der Konsum muss nüchtern und partizipativ reguliert werden: Mehr Menschen können mit weniger auskommen.
Zur Frage der Konsequenzen: Wie es in der Einleitung unserer „Charta für die Erde“ heisst, sind wir an einem kritischen Moment der Geschichte angelangt. Wir leben in einer Epoche, in der die Menschheit ihre Zukunft wählen muss. Es geht um den Grundsatzenscheid für eine globale Allianz zum Schutz der Erde und ihrer Bewohner im gegenseitigen Respekt. Ansonsten laufen wir Gefahr einer doppelten Zerstörung: von uns selbst und der Vielfalt des Lebens. Dieses Mal steht keine Arche Noah zur Verfügung. Entweder wir retten uns alle, oder wir gehen alle gemeinsam unter.

 
 

Trotz dieser dramatischen Ausgangslage gibt es auf politischer Ebene durchaus Alternativen. In Lateinamerika versuchen sich progressive Regierungen an einer anderen Verteilung des Reichtums. In Europa stemmen sich neue Parteien - wie Syriza in Griechenland oder Podemos in Spanien - gegen das dominierende Paradigma.

 

Tatsächlich sind zwei lateinamerikanische Länder - Bolivien und Ecuador - die Speerspitze dieses neuen Paradigmas, welches das Leben in den Mittelpunkt stellt und alle Lebewesen, den Menschen inbegriffen, als voneinander abhängig und vereint im gleichen Schicksal definiert. Erstmals in der Geschichte, haben diese Länder einen ökologische Staatsform eingeführt: In ihrer Verfassung wurde der soziale Aspekt mit der Natur verbunden. Die Erde und die Natur sind Rechtssubjekte, die respektiert werden müssen. Die zentrale Kategorie der andinen Kultur, das „Buen Vivir“ (Gutes Leben), beinhaltet eine Integration aller, ein Gleichgewicht aller Elemente und einer respektvollen Beziehung gegenüber „Pacha Mama“, der Mutter Erde.

 
Und wie verhält es sich mit den anderen Ländern Lateinamerikas?
 

Andere Länder haben kein vergleichbares ökologisches Bewusstsein entwickelt, obwohl sie eine Art „sozialer Ökologie“ eingeführt haben, welche die Armen und Randständigen an erster Stelle des staatlichen Handelns setzt. Das ist der Fall von Brasilien, wo die regierende Arbeiterpartei (PT) von Lula und Dilma Rousseff mehr als 40 Millionen Menschen aus der extremen Armut geholt hat. Trotzdem bleiben weltweit extreme Ungleichheiten. Skandalös ist die Situation etwa in den Vereinigten Staaten, wo 1 Prozent der Bevölkerung gleich viel besitzt wie die übrigen 99 Prozent. In einigen formalen Demokratien fühlen sich nur wenige vom Parlament oder der Regierung vertreten. Es gibt aber erste Zeichen, dass eine andere Form von Demokratie möglich ist. Dies zeigen neu aufgekommene Bewegungen wie die Occupy in den USA, die Indignados in Spanien, die sich nun in Podemos organisiert haben oder auch Syriza in Griechenland.

 
 

Viele dieser neuen politischen Akteure haben ihre Wurzeln in der globalisierungskritischen Bewegung, die dem 2001 gegründeten Weltsozialforum nahesteht.

 

Die Unzufriedenheit mit dem vorherrschenden System geht auf den „Sieg“ des Kapitalismus über den „Realsozialismus“ und den Zusammenbruch der Sowjetunion zurück. Dies führte dazu, dass unter Ronald Reagan und Margaret Thatcher eine nie dagewesene Neuausrichtung die Oberhand gewann: Die Logik des Kapitels und der Kultur der Verherrlichung des Individuums, des Privateigentums, des Reichtums der zügellosen Konkurrenz und des Minimalstaates. Die Politik wurde als Höhle der Korruption diffamiert und der Staat als ineffizient verschrieen. Diese Verleumdungsstrategie zielte darauf, alles den grossen Privatunternehmen zu überlassen, die dann die Welt global organisierten. Die vom Sozialismus entwickelten Werte – Internationalismus, Solidarität zwischen den Völkern, das Soziale vor dem Individuellen – wurden fallengelassen. Man predigte das Konzept „Gewinn ist eine gute Sache“ und versprach mit dieser Vision von Globalisierung Frieden, Sicherheit für alle und kollektive Wohlfahrt. Nichts von dem ist eingetreten. Die Logik des Kapitals sorgt sich nur um das unbeschränkte Wachstum. Alles, was Wachstum verhindert, muss ausgeschaltet werden. Die Vorherrschaft dieser ausgrenzenden und unmenschlichen Politik hat zu einer kollektiven Frustration geführt. Die Leute haben die Perversion des Kapitalismus begriffen, der einseitig auf das private Anhäufen von Gütern setzt, aber für soziale Armut und Zerstörung sorgt. Die Versprechungen von Frieden, Sicherheit und Wohlfahrt blieben uneingelöst. Die mehr oder weniger kollektive Frustration und Enttäuschung hat entweder zu Resignation oder Protesten geführt. Die Rebellion fand in den Weltsozialforen unter dem Motto „Eine andere Welt ist möglich“ einen Resonanzkasten. Wir wissen nicht, wohin sich die Welt entwickelt. Wenn es – wie zahlreiche Wissenschaftler vorhersagen – gleichzeitig zu einer Klimaerwärmung und zu Wasserknappheit kommt, werden ökologische und soziale Trägodien nie gesehenen Ausmasses auf uns zukommen. Millionen von Menschen werden deshalb zur Migration gezwungen sein. Sie werden in andere Länder aufbrechen, so wie dies die sogenannten „Barbaren“ nach dem Fall des römischen Reichs taten. Wir müssen uns wieder mit dramatischen Szenarien auseinandersetzen. Vielleicht sollte man denken wie der deutsche Philosoph Martin Heidegger, der dem Magazin „Spiegel“ in seinem berühmten letzten Interview sagte: „Nur noch ein Gott kann uns retten“.

 
 

Welche Rolle kann in diesem apokalyptischen Szenario das Weltsozialforum spielen?

 

Es repräsentiert das Gegenteil des Systems der Globalisierung. Es geht nicht um Resignation, sondern um eine Gegenaktion, welche die Unzufriedenheit eines grossen Teils der Menschheit gegenüber der aktuellen Entwicklung manifestiert. So kann es nicht weitergehen. Wir müssen neue Träume und Utopien entwickeln und lebbare Alternativen aufzeigen, wenn wir als Zivilisation überleben wollen. Das Weltsozialforum sieht die heutige Situation nicht als angekündigte Tragödie, sondern wie eine generelle Krise unserer Lebensweise. Diese Krise reinigt und lässt uns reifer werden. Deshalb ist das Forum ein Ort der Hoffnung mit stichhaltigen Argumenten. Die Globalisierungskritiker träumen nicht nur, sie zeigen, dass überall auf der Welt neue Formen der Zusammenarbeit, der Produktion, Verteilung und des Konsums versucht werden. Wer an ein Sozialforum reist, dem geht es nicht unbedingt darum, an Konferenzen den Statements von Berühmtheiten zu lauschen, sondern darum, Erfahrungen auszutauschen und zu schauen, wie die Dinge anders angepackt werden könnten. Auch wenn dies nicht immer einfach ist, so haben die Foren diese wichtige Symbolkraft von Widerstand, Alternativen und Hoffnung. Am Rande des Abgrunds werden uns so neue Flügel wachsen,um für eine andere Welt abzuheben, in der es weniger schwierig sein wird, ein menschliches Leben zu führen.

 

Wird in dieser anderen Welt auch die zwischenmenschliche und internationale Solidarität neu belebt?

 

Die Solidarität gehört zur Essenz des Menschen. Und ich bin überzeugt, dass nur die weltweite Solidarität uns retten kann – begleitet von Mitgefühl und der Erkenntnis, dass uns als Brüder und Schwestern ein gemeinsames Schicksal verbindet. Das Leben zählt mehr als Gewinnstreben, die Liebe mehr als die Begierde, die Solidarität mehr als der Individualismus.

 
 
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