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São Paulo in der Optik von Júlio Torres

 

Júlio ist verheiratet, er arbeitet in einer Baufirma, die für den Unterhalt der Strassen der Südzone von São Paulo zuständig ist. Seine Frau hat neben der Arbeit als Hausangestellte die Mittelschule abgeschlossen und studiert jetzt Sozialarbeit im Abendstudium. Das Ehepaar hat eine Tochter, Juliana. Eine junge Familie, die um ihre Lebensperspektiven ringt und Schritt um Schritt an einer würdigen Zukunft baut.

Diese Geschichte hätte aber auch ganz anders enden können... Kennengelernt habe ich Júlio Ende der neunziger Jahre. Er war wiederholt beim Diebstahl erwischt worden und wurde deshalb durch das Kinderrechtszentrum Interlagos begleitet. Einer unter Tausenden von Jugendlichen, die täglich durch den Konsumwahn unserer Gesellschaft geködert werden, denen aber das Nötigste zum Überleben fehlt. „Ich fühlte mich als Kind ohne Zukunft“, erzählt Júlio, und deshalb führte er Krieg mit seiner Gegenwart. Auf der Strasse versuchte er, dass Einkommen der Familie zu verbessern, verkaufte gesalzene Erdnüsse am Lichtsignal und wurde oft am Ende des Tages mit Schlägen belohnt, weil er zuwenig verkauft hatte. Als er es nicht mehr aushielt, ging er ganz auf die Strasse und begann zu stehlen um zu überleben.

Ich erinnere mich sehr gut an Júlio. Er war immer sehr verschwiegen, den versuchten Dialog unterbrach er immer mit kurzen, trockenen Antworten. Unsere Blicke trafen sich immer nur ganz kurz, denn immer schaute er weg und drückte so sein riesiges Misstrauen aus. Es vergingen Monate, bis Júlio begann, von sich zu erzählen. Erst als er sicher war, dass das Kinderrechtszentrum kein verlängerter Arm der ungerechten Justiz ist, welche straffällig gewordene Jugendliche als alleinverantwortliche Täter identifiziert und die Grausamkeit des familiären Umfeldes und die Gewalt ihrer sozialen Lebenswelt komplett ignoriert. Der straffällig gewordene Júlio war die konsequente Folge systematisch verletzter Kinderrechte.

Im Kinderrechtszentrum fand er schliesslich einen ganz unerwarteten Ort: seine Revolte wurde Ernst genommen. Sein Schrei wurde gehört. Mit anderen Jugendlichen konnte er diskutieren. Gemeinsam versuchten sie, ihr Leben und ihre Welt zu verstehen. Beim Malen konnten sie ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Júlio war nie ein begnadeter Zeichner und trotzdem fühlte er sich wohl, mit Farben und Formen von sich selber zu erzählen. Danach begann er, beim Graffiti-Workshop mitzumachen.

 

 

Graue Mauern wurden durch die gemeinsame Malerei plötzlich fröhlich bunt. Mit der Kamera des Kinderrechtszentrums fotografierten sie die langsame Evolution der werdenden Gemälde, die auf den Mauern der Strasse immer von ihrer gelebten und erlittenen Wirklichkeit berichteten.

„Je länger ich dabei war, umso weniger malte ich und umso mehr nutzte ich den Fotoapparat. Bald fotografierte ich nicht mehr nur die von uns bemalten Mauern, sondern begann die Hütten der Favelas hinter der Mauer ins Bild zu holen. Dann das Kind, das mit einem Papierschiff im Abwasser der Favela spielte, die Frau, die am Rand der Favela Bananen verkaufte... Mir wurde klar, dass der Ausdruck dieser Menschen oft viel mehr zu sagen vermochte, als das von mir mühsam buchstabierte Graffiti. Heute mache ich soziale Fotografie. Wenn ich gut schreiben könnte, würde ich ein Buch schreiben. Aber da ich gerne fotografiere, berichte ich von meiner Realität durch Bilder. Und jeder Schnappschuss ist eine Form, die Realität ausgebeuteter Menschen am Rand der Strasse und in den Favelas zu zeigen. Durch meine Arbeit bei der Baufirma bin ich jeden Tag auf der Strasse, und meine Kamara ist immer bei mir. So dokumentiere ich das Leben der Menschen auf der Strasse und in den Favelas. Meine Bilder wollen bewegen. Sie versuchen, andere zu sensibilisieren“.

 
 

In den kommenden Wochen wird Júlio im Kinderrechtszentrum seine erste Austellung starten. Seine vier Bilder in diesem Rundbrief sind ebenfalls eine Form, die Welt von Júlio anderen Menschen zu zeigen. Die Bilder von Júlio sind nicht einfach nur gute Fotografien. Es sind Bilder, die von Leid und Gewalt berichten, aber immer auch von Hoffnung und Widerstand erzählen.

Der Werdegang von Júlio zeigt, dass selbst in schwierigsten Situationen Veränderungen möglich sind. Sie fallen aber nie vom Himmel, sondern müssen immer gemeinsam errungen werden. Selten sind Veränderungsprozesse kurzfristig sichtbar, meist brauchen sie sehr viel Zeit, oft erfahren wir erst viel später, wie Kinder und Jugendliche sich entwickelt haben. In der Zeit, als Júlio durch das Kinderrechtszentrum begleitet wurde, war er immer mit drei Freunden unterwegs. Marco arbeitet heute in derselben Firma wie Júlio, João Paulo sitzt im Gefängnis und Daniel wurde durch die Militärpolizei erschossen.

 

Zu den Bildern von Júlio Torres

 
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