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Mariana weiss: die Ungerechtigkeit verelendet die Menschen

 

Katia Cristina dos Reis, Sozialarbeiterin im Projekt ‚Treffpunkt Kinderrecht‘, erzählt von der Begegnung mit Mariana und ihrer langjährigen Begleitung. Marianas Geschichte zeigt, dass Unterdrückung nicht vor der Haustüre halt macht, sondern alle menschlichen Beziehungen durchdringen kann.

 

Ohne ein Wort zu sagen, stand sie vor der Tür des Kinderrechtszentrums. Mit ihren eingefallenen Augen schaute sie zum Boden und entwich meinem Blick. „Wo wohnst du“, fragte ich und wollte langsam mit ihr ins Gespräch kommen. „Ich habe keine Adresse“, gab sie knapp zurück. Die folgende Stille schob sich wie ein riesiger Klotz zwischen uns. Ihre ungepflegten Kleider, die wilden Haare, das im Schatten ihrer Mütze versteckte Gesicht erzählten, ohne ein Wort zu sagen, von ihrem Leben auf der Strasse. Ich gab nicht auf, versuchte weiter die eisige Distanz zu brechen. „Komm mit mir, wir trinken einen warmen Tee.“ Sie umarmte mit ihren Fingern das Teeglas, als ob sie das Gefühl der Wärme schützen wollte. Sie wagte einen ersten Blick, unsere Augen begegneten sich.

 

 

Doch bis wir gegenseitiges Vertrauen fanden und die Tür des Gesprächs öffnen konnten, vergingen viele Wochen. Langsam lernte ich Mariana kennen. Nach den ersten Begegnungen kam sie nicht mehr wegen dem warmen Tee, sondern suchte Austausch und Dialog, wagte das Ringen um Worte und Blicke. Immer mehr gelang es ihr, von sich, ihrem Leben und ihrer Familie zu erzählen. Und ich begriff, warum ihre jugendliche Lebenslust zerstört am Boden lag, ohne Kraft, ohne Hoffnung.

 

Vor acht Jahren, sie war gerade siebenjährig, wurde sie von ihrem Stiefvater vergewaltigt. Zu jung war sie, um zu verstehen, was vor sich ging. Doch der Schmerz, die Angst, die Gewalt haben sie für immer gezeichnet. Damals suchte sie Hilfe bei ihrer Mutter. Doch sie entdeckte in ihr eine ebenfalls vergewaltigte Frau, die keine Kraft hatte zu reagieren, Widerstand zu leisten, sich selber und ihre Kinder zu verteidigen. Mariana verstand, warum damals ihre älteste Schwester plötzlich von zuhause verschwand. „Warum hat sie mich alleine gelassen? Wo steckt sie wohl heute? Lebt sie auf der Strasse wie ich?“

 
 

In Zusammenarbeit mit dem Jugendamt fanden wir für Mariana eine Pflegefamilie. Der Nerv des Lebens schien in ihr wieder zu erwachen. Sie versuchte, wieder in die Menschen vertrauen zu lernen, ging zurück in die Schule und begann, trotz ihrer Vergangenheit an die Zukunft zu glauben. Von ihrer Pflegemutter lernte sie Maniküre und heute – fünf Jahre später – arbeitet Mariana in einem Coiffeursalon. Ihre Locken sind voller Lebensfreude, ihre Augen offen und das Lachen herzlich. Sie kämpft für ihr Leben und hat ihren Weg gefunden. Doch ihre grosse Sorge bleibt, ihre Geschwister und ihre Mutter wieder zu finden. „In meiner Kindheit habe ich gesehen, wie die Menschen durch Ungerechtigkeit verelenden“, erzählt Mariana. „Die Gewalt ist wie ein wucherndes Ungetüm, das alles auffrisst und zerstört. Hoffentlich finde ich meine Geschwister und meine Mutter!“

 
(tuto)
 
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