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Daniela kämpft um ein Zuhause...

 

Das Kinderrechtszentrum hat seinen Namen von der Region Interlagos in der Südzone von São Paulo. Wie Interlaken in der Schweiz liegt auch Interlagos zwischen zwei Seen. Sie wurden in den sechziger Jahren künstlich angelegt und sind bis heute für die Wasserversorgung von São Paulo entscheidend. Das ganze Einzugsgebiet der beiden Seen wurde gesetzlich geschützt, um das unkontrollierte Wachstum der Stadt zu vermeiden. Doch dem gesetzlichen Schutz folgten keine systematischen Kontrollen, und eine Wohnpolitik gab es ebenfalls nicht.

 
 

In den sechziger Jahren begann auch der rasante Industrialisierungsprozess Brasiliens. Immer neue Unternehmen schossen wie Pilze aus dem Boden und brauchten für ihr Wachstum billige Arbeitskräfte. Diese kamen vertrieben vom Land nach São Paulo und fanden bald Arbeit. Wer in einer Stadt lebt und arbeitet, braucht einen Ort, um wohnen zu können. Für eine Miete waren die Löhne aber immer zu kurz. Also suchten die Familien eine Alternative. Auf leerstehenden Grundstücken bauten sie sich eine Holzhütte, um ihren Familien wenigstens eine provisorische Unterkunft zu ermöglichen. Doch das Provisorium wurde zur langfristigen Lösung. Und wo eine Hütte entstanden war, gesellten sich bald hunderte andere dazu. Die Favelas waren geboren.

 
 

Weil das Schutzgebiet in Interlagos eigentlich nie geschützt wurde, verwandelte sich die Region schnell in das am dichtesten mit Favelas besiedelte Gebiet der Stadt São Paulo. Heute sind es über zweihundert Favelas mit über siebenhunderttausend Einwohnern. Doch der Stadtrand von damals ist schon lange nicht mehr am Rand. Die wachsende Stadt verschlingt immer grössere Gebiete, und der Kreis des Stadtteppichs weitet sich immer weiter aus. Lange liess man die Favelas gewähren. Es war die einfachste Lösung, die Menschen sich selbst zu überlassen. Aber langsam erreicht die urbane Infrastruktur den einstigen Rand der Stadt und die Favelas beginnen zu stören. Anstelle die Favelas zu urbanisieren und die Lebensqualität der Familien zu verbessern, werden die Bewohner bedroht und einmal mehr vertrieben. Bulldozer reissen ganze Favelas ohne Entschädigung nieder, die Familien stehen auf der Strasse, und der Kampf ums Überleben beginnt von Neuem. Daniela berichtet:

 
 

„Wie fast alle Familien hier komme auch ich vom Nordosten Brasiliens. Wir lebten als Kleinbauern im Bundesstaat Ceará, pflanzten jedes Jahr unseren Maniok und lebten von unserer Maniokmehlproduktion. Bis wir von unserem Land vertrieben wurden. Ich erinnere mich noch sehr gut. Es war fürchterlich. Wir hatten keine Alternative und zogen nach São Paulo. Meine Tante lebte bereits in São Paulo: weit draussen am Rand der Stadt. Neben dem prekären Häuschen meiner Tante stellten auch wir eine Hütte auf und gingen auf Arbeitssuche. Damals war es viel leichter als heute. Wir fanden schnell Arbeit. Zwar war der Lohn sehr knapp, doch wir hatten wenigstens Arbeit. Die Jahre vergingen und mit dem wenigen Ersparten verbesserten wir Schritt um Schritt unser Zuhause. Natürlich ist es eng, und viel Platz haben wir wirklich nicht. Aber alles was wir haben, investierten wir in unser Zuhause. Meine Kinder sind hier gross geworden.“

 
 

„Letztes Jahr haben wir unser Haus ausgebaut. So hat auch die jüngste Tochter ein Zuhause für ihre Familie. Sie hat vor wenigen Monaten geheiratet. Alles was wir haben, ist unser kleines Haus. Trotzdem wehren wir uns nicht gegen die Entwicklung der Stadt. Wir können diese Entwicklung sowieso nicht aufhalten. Und trotzdem wollen wir als Menschen ernst genommen werden. Wir leben nicht in der Favela, weil dies der schönste Ort der Welt ist. Wir leben in der Favela, weil wir keine andere Möglichkeit haben. Bis heute hat uns niemand an der Verbesserung unseres Quartiers geholfen. Alles haben wir in gemeinsamer Arbeit gemacht und gebaut. Natürlich muss vieles verbessert werden. Wir helfen auch gerne mit. Aber ich kann nicht akzeptieren, dass wir einmal mehr wie ein Stück Dreck behandelt werden. Wir werden bedroht, und sie sagen, dass die Bulldozer unsere Häuser eines Nachts zerstören werden. Wir wurden schon einmal vertrieben. Ein zweites Mal schaue ich nicht einfach zu, wie sie unser wenig Hab und Gut zerstören. Wir werden zusammenstehen und nicht aufgeben, das haben wir mittlerweilen gelernt. Gemeinsam sind wir stärker. Wir sind nicht gegen den Abbruch der Favela. Wir würden noch so gerne von hier in ein schöneres Quartier ziehen. Aber einfach so vertrieben werden, das geht nicht!“

 
 

In den letzten drei Monaten dieses Jahres wurden zehn Favelas über Nacht niedergerissen, und die Familien vertrieben. Die Gruppe von Daniela konnte der Bedrohung widerstehen. Sie wird von den Rechtsanwälten des Kinderrechtszentrums Interlagos unterstützt, welche die Verhandlungen mit der Stadt begleiten. Sie verlangen eine würdige Entschädigung für ihre Häuser und wollen korrekt behandelt werden. Die Nacht- und Nebelaktionen konnten vorübergehend gebremst werden. Die Verhandlungen kommen nur harzig vorwärts, doch wenigsten stehen die Familien nicht auf der Strasse.

 
 
 
(tuto)
 
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