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Eindrücke aus Interlagos: Besuch im Kinderrechtszentrum

 

Zwölf Stunden Flug und schon stehe ich mitten in São Paulo. Soweit weg, und dennoch so beindruckend nah. Eigenartig das Gefühl, plötzlich wieder vor der Tür des Kinderrechtszentrums Interlagos zu stehen. Eine Tür, die ich während vielen Jahren jeden Tag geöffnet habe, um am Aufbau des Zentrums mitzuwirken. Lucia, Helder, Paula und Fernanda empfangen mich im ‚Espaço Novo Movimento‘, dem Versammlungsraum des Kinderrechtszentrums.

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Es sieht gut aus bei euch, beginne ich voll Freude den Dialog mit den Mitarbeitern des Zentrums. Ja, wir haben alle Räume neu gestrichen, erklärt Lucia. „Doch nicht nur die Farbe ist neu. In der letzten Zeit hat sich vieles verändert”. Sie erzählt von der schwierigen Beziehung mit der Stadtregierung und den schleppenden Verhandlung neuer Projekte. „Trotzdem sind wir zuversichtlich: das Kinderrechtszentrum wird selbst von der Stadt als kompetente Organisation respektiert, und es gelingt uns immer wieder, direkten Einfluss auf die Sozialpolitik der Gemeinde zu nehmen”.

 

 

Helder erklärt, dass die Zahl der vom Kinderrechtszentrum realisierten Projekte leicht abgenommen hat. Der Zugang zu lokalen Finanzierungen wird immer schwieriger, meint er weiter. Doch das ist kein Zeichen unserer Schwäche, fügt er sofort hinzu. „Wir hatten nie die Absicht, eine Zentrale öffentlicher Sozialpolitik zu werden. Unsere Aufgabe ist es, innovative Projekte zu wagen und positive Erfahrungen in die noch immer schlecht funktionierende Sozialpolitik der Stadt einfliessen zu lassen. Wir wollen, dass der Staat funktioniert, dass er seine Aufgaben ernst nimmt. Deshalb dürfen wir auf keinen Fall seine Rolle übernehmen.”

 

 

Lucia, die Fernanda bei der Leitung des Kinderrechtszentrums abgelöst hat, erzählt von der Entwicklung der beiden zentralen Projekte: der ‘Treffpunkt Kinderrecht’ und das ‘Netzwerk Kinderrecht’. „Das Kinderrechtszentrum ist in der ganzen Region zu einem Begriff geworden. Wenn die Rechte der Kinder und Jugendlichen verletzt werden, kommen die Menschen zu uns. Miteinander versuchen wir, eine Lösung zu finden. Oft ist das gar nicht einfach. Viele haben Angst, gegen willkürliche Gewalt der Militärpolizei vorzugehen. Auch in Situationen häuslicher Gewalt, verhindert oft die Angst der Opfer ein konsequentes Vorgehen. Das Wichtigste ist immer, eine Beziehung des Vertrauens aufzubauen. Wenn das gelingt, kommen die nächsten Schritte von alleine. Aber das braucht oft viel Zeit… Am meisten Fortschritte haben wir in der Prävention sexueller Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen erreicht. Eine breite Sensibilisierungskampagne wurde realisiert, und unser Team arbeitet in direkter Zusammenarbeit mit der Gemeinde São Paulo. So sind wir lokal verankert und auf der Ebene der Gemeinde gut vernetzt.”

 

 

Paula arbeitet als Sozialarbeiterin im Netzwerk Kinderrecht. Natürlich brauchen wir eine Anlaufstelle für alle Kinder und Jugendlichen, deren Rechte verletzt werden, erklärt sie. Dennoch setzt sie alle Energie in die präventive Arbeit innerhalb der verschiedenen Favelas der Region. „Ich bin sicher, dass Prävention die beste Arbeit ist. Denn wenn die Menschen ihrer Rechte bewusst werden, nehmen gleichzeitig Willkür und Gewalt ab. Darum arbeiten wir intensiv an der Vernetzung der lokal existierenden Gruppen und Initiativen. Wir malen mit den Kindern, wir diskutieren über die Rechte der Kinder und immer versuchen wir, die Kinder und Jugendlichen zu aktivem Einwirken zu motivieren.”

 

 

Helder, der nicht nur eine stützende Referenzfigur im Kinderrechtszentrum ist, sondern selber durch seine Bilder Anerkennung in verschiedenen Ausstellungen erreicht hat, verstand die Kunst immer schon als Mittel der Bewusst-seinsbildung. „Wir arbeiten mit den Kindern und Jugendlichen dort zusammen, wo sie sind: auf der Strasse, in den Favelas, wo auch immer. Wir gehen zu ihnen. Wir warten nicht, bis sie zu uns kommen. Und wenn wir bei ihnen sind, machen wir nicht, was uns in den Sinn kommt. Wir fragen sie, was sie tun wollen. Und im gemeinsamen Tun entstehen Gespräche, wächst Vertrauen. Wir malen gemeinsam, bringen Farbe in die Favelas, drücken Gefühle aus, sprechen über die gewaltige Wirklichkeit. Men-schen werden ihrer Rechte nicht bewusst, indem wir ihnen sterile Vorträge über Gesetze und Institutionen halten. Sie beginnen sich zu engagieren, wenn sie an sich selber und an ihre Würde als Menschen glauben. Diese Erfahrung müssen die Kinder und Jugendlichen selber machen. Wir können einzig die Bedingungen für dieses Lernen erleichtern. Wir sind so etwas wie Geburtshelfer aktiver Menschen, die den Fatalismus zu überwinden versuchen und sich als Subjekte entdecken, die ihre Wirklichkeit mitgestalten.”

 

 

Fernanda erzählt von der Vernetzung des Kinderrechtszentrums und der grossen Arbeit, welche in der Stärkung der Vereinigung der brasilianischen Kinderrechtszentren in den letzten Jahren geleistet wurde. „Alleine können wir gar nichts, und totale Institutionen, die meinen, alles alleine erreichen zu können, sind gefährlich. Mit unserer Arbeit versuchen wir, die Rechtsstaatlichkeit Brasiliens voranzutreiben. Wir können uns nicht mit der nur formalen Demokratie zufrieden geben. Wir wollen auch soziale Teilhabe.” Und teilweise gelingt uns das auch, führt Helder weiter. „Nichts Schöneres als an den Mauern der sozialen Apartheid die Bilder eines anderen Brasiliens zu sehen: gemalt durch Kinder und Jugendliche. Damit fallen diese Mauern zwar noch lange nicht in sich zusammen, doch wenigstens entstehen Perspektiven, welche den Horizont für jenseits der Mauern öffnen.”

 

 

Das Gespräch fliesst ruhig vor sich hin, und längst ist es Nacht geworden. Wir gehen auseinander und wissen dennoch, dass wir trotz aller Distanz verbunden bleiben. In mir bleibt die Gewissheit, dass das Kinderrechtszentrum seinen eigenen Weg bahnt, seiner Ziele bewusst ist und gewappnet, die Hindernisse des Alltags zu bewältigen.

 

(tuto)
 
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