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Die Aktualität der Landfrage in Brasilien

 

Gespräch mit Salete Carolo, Mitglied der nationalen Koordination der brasilianischen Landlosenbewegung (Movimento Sem Terra – MST)

 

Brasilien ist ein kontinentales Land mit einer Fläche von 8,5 Millionen Quadratkilometer. Das entspricht über zweihundertmal der Grösse der Schweiz. Davon können 3,5 Millionen Quadratkilometer für die Landwirtschaft genutzt werden. Über die Hälfte dieses Landes jedoch wird durch Grossgrundbesitzer in Beschlag genommen, auch wenn sie beinahe nie über ein legales Besitzdokument verfügen. Nur ein kleiner Teil dieses Bodens wird landwirtschaftlich genutzt: meist durch Monokulturen von Soja für die Herstellung von Tiernahrungsmittel, von Zuckerrohr für den Agrartreibstoff Ethanol, von Eukalyptus für die Papier- und Kohleproduktion oder durch die extensive Viehzucht für die Fleischproduktion.

 
 

Gemäss der brasilianischen Verfassung sollte die Mehrheit dieser Grossgrundbesitzer enteignet werden, weil ihr Besitz illegal ist und weil ihre Ländereien meist unproduktiv bleiben. Die Verfassung sieht vor, mit dem enteigneten Land eine Landreform zu realisieren, welche in den Ländern Europas bereits im 19. Jahrhundert verwirklicht wurde. Bis heute blieb die Landreform in Brasilien ein blosses Versprechen. Selbst während der Regierung von Präsident Lula (2003 – 2010), der auf verschiedene soziale Fragen mit positiven Innovationen geantwortet hatte, blieb die Landreform auf dem Papier. Gemäss Daten der brasilianischen Regierung hat die Landkonzentration zwischen 1920 und 2010 ununterbrochen zugenommen. Gleichzeitig warten über 5 Millionen landlose Bauernfamilien auf die überfällige Verwirklichung der Landreform.

 

Doch sie warten nicht nur, sie organisieren sich auch in der brasilianischen Landlosenbewegung, die wohl stärkste soziale Bewegung Lateinamerikas. Sie widersetzen sich der illegalen Besetzung Brasiliens durch den Grossgrundbesitz und sind Sprachrohr der vom Land verdrängten Familien, welche oft in den Favelas der Grossstadt um ihr Überleben kämpfen. Im vergangenen September war Salete Carollo dank Einladung von E-CHANGER in der Schweiz. Sie ist Mitglied der nationalen Koordination der Landlosenbewegung und selber angesiedelte Kleinbäuerin im Süden Brasiliens. Im folgenden Gespräch erzählt Salete von der Aktualität der Landfrage in Brasilien.

 
 
Salete, erzähl uns von der Landlosenbewegung. Warum ist sie entstanden?
 

„Die brasilianische Landlosenbewegung ist Produkt der ungerechten Landverteilung in Brasilien. Wir existieren seit 27 Jahren und sind heute in ganz Brasilien präsent. Durch unsere Arbeit gelang es in dieser Zeit, über 400’000 Kleinbauernfamilien wieder auf dem Land anzusiedeln. Ich selber bin Mitglied einer Kleinbauernkooperative im Bundesstaat Rio Grande do Sul, im Süden Brasiliens. Die Landlosenbewegung ist keine Organisation, die sich für die Bauern einsetzt, sondern es sind die Kleinbauernfamilien selber, die sich als soziale Bewegung organisieren und sich für ihre Rechte mobilisieren. Brasilien ist heute zwar ein Rechtsstaat, welcher die politische Beteiligung der Bevölkerung ermöglicht. Dennoch werden die sozialen Rechte der Menschen mit Füssen getreten. Darum ist die Landlosenbewegung entstanden, und darum kämpfen wir weiter für die Rechte der Menschen.”

 
 
Was hat sich in diesen 27 Jahren an der Arbeit der Landlosenbewegung verändert?
 

„Unser Grundanliegen hat sich in dieser Zeit überhaupt nicht verändert. Vom Land vertriebene Kleinbauernfamilien vereinigen sich und setzen sich ein, um ihren Kindern ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Wir fordern vom brasilianischen Staat das Einhalten der Gesetze und die Verwirklichung der in der Verfassung verankerten Ziele, darunter auch die Landreform. Dennoch hat sich unsere Arbeit in verschiedenen Aspekten verändert. Kämpften wir vor 27 Jahren noch gegen die traditionelle Figur des Grossgrundbesitzers, welcher in feudalistischer Art seine Latifundien regierte, stehen wir heute immer mehr der Macht multinationaler Konzerne – übrigens auch aus der Schweiz – gegenüber. Dies macht unsere Arbeit nicht leichter. Im Gegenteil. Doch auch wir selber haben uns verändert. War unsere Bewegung anfänglich noch sehr betont ein Einzelgänger, sind wir heute viel besser vernetzt. In Brasilien arbeiten wir mit anderen Bauernorganisationen zusammen und international gehören wir der ‚Via Campesina‘, einem globalen Zusammenschluss der Bauernorganisationen, an.”

 
 
Mit der Wahl von Dilma Rousseff ist es dem vorherigen Präsident Lula gelungen, seine Nachfolgerin zu stellen. Hat sich in ihrem ersten Regierungsjahr etwas für die Landlosenbewegung verändert?
 

„Die Grundzüge der Regierung von Dilma sind dieselben geblieben. Wir haben in Brasilien weiterhin eine Regierung, welche prinzipiell sehr offen ist für soziale Fragen und die z. B. sehr viel in den qualitativen und quantitativen Ausbau der Sozialhilfe investiert. Damit gelingt zwar schrittweise eine Reduktion der Armut, doch die strukturellen Probleme der Armutsproduktion bleiben unangetastet. Dennoch hat uns Dilma überrascht. Im vergangenen August hat sich die Landlosenbewegung in Brasília getroffen. Mit über fünfzigtausend Menschen forderten wir einmal mehr die Verwirklichung der Landreform. Und Dilma hat nicht nur mit Dialog geantwortet, sondern ist auf unser Anliegen eingegangen. Sie hat das Budget für Landenteignungen kurzfristig verdoppelt und hat ebenfalls entschieden, das von der Landlosenbewegung organisierte Bildungsprogramm zu unterstützen. Wir haben viel mehr erreicht, als wir erwarten konnten. Jetzt warten wir die nächsten Schritte der Regierung ab. Eines ist gewiss: die Landreform fällt nicht vom Himmel, und wir werden weiter an der Stärkung der Landlosenbewegung arbeiten!”

 
(tuto)

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