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São Paulo: Spiegel der sozialen Ungleichheit Brasiliens

 

Mauern mit eisernen Spitzen, elektrischem Draht oder erschreckenden Glasscherben gehören zum Strassenbild von São Paulo. Hinter den aggressiv verstärkten Mauern verstecken sich nicht militärische Installationen, sondern ganz einfach Menschen. Jene, die mehr haben, verschanzen sich hinter Zaun, Hag, Gitter und Mauern. Sie schotten sich ab von der Welt der übrigen 99%. Sie haben Angst, denn sie wissen, dass sie wenige sind, und die Anderen werden immer mehr…
 
 

Brasilien ist wie eine Kurzzusammenfassung unserer Welt: natürlicher Reichtum ist vorhanden, doch der Zugang zu ihm bleibt der Mehrheit der Menschen versperrt. Und São Paulo kondensiert die brasilianische Zusammenfassung noch einmal: auf engstem Raum drängen sich arm und reich, Gegensätze prallen krass aufeinander. São Paulo, die wirtschaftliche Lokomotive Brasiliens, Ausdruck des aktuellen Wachstumsbooms des Schwellenlandes, das sich trotz globaler Finanzkrise aufbläht, und globalen Einfluss anstrebt.

 
 

Ich blättere im Atlas menschlicher Entwicklung, der jedes Jahr von den Vereinten Nationen veröffentlicht wird. Eine gute Sache, denn noch vor wenigen Jahren beurteilte man den Stand der Entwicklung einzig nach dem Bruttosozialprodukt. Der Index menschlicher Entwicklung ist ganzheitlicher. Nicht nur wirtschaftliche Entwicklung wird berücksichtigt, sondern ebenfalls der Zugang zu Bildung, Gesundheit und sozialer Sicherheit. Und siehe da! Brasilien gehört zu jenem Drittel aller Länder der Welt, der die besten Raten menschlicher Entwicklung erreicht. Daneben zwei Drittel aller Länder mit verheerenden Zuständen. Für Brasilien irgendwie zu schön, um wahr zu sein, und ich blättere ungläubig weiter. Bei der Karte, die nur Brasilien zeigt, wiederholt sich dasselbe Bild. Kleine Inseln vielversprechender menschlicher Entwicklung und daneben breite Zonen sozialer Unsicherheit. Die Gemeinde São Paulo z.B. gehört zu den kleinen Inseln mit hohem Entwicklungsstand. Ich werde immer ungläubiger und blättere weiter. Irgendwie kann das doch gar nicht stimmen, denke ich. Das entspricht doch gar nicht dem, was ich Jahr um Jahr in São Paulo gesehen und erlebt habe… Ein paar Seiten weiter endlich der Index menschlicher Entwicklung der Gemeinde São Paulo. Dasselbe Drama wiederholt sich auch hier. Ein kleines entwickeltes Zentrum und eine endlos scheinende Peripherie, welche mehr als ein ganzes Burkina Faso, das wohl ärmste Land Afrikas, in sich verbirgt.

 
 

Statistiken sind interessant. Sie können Wirklichkeiten sichtbar machen, aber sie können ebenfalls Realitäten hinter Durchschnittswerten verbergen. São Paulo – und auch ganz Brasilien – gleicht jenen zwei Menschen, die in ein Restaurant gehen. Der eine isst ein ganzes Huhn, der andere bekommt überhaupt nichts. Statistisch bekommt jeder von beiden ein halbes Huhn, und folglich sind beide bestens ernährt. Dem ist aber nicht so. Die Statistik ist blind für die wohl bezeichnendste Eigenart Brasiliens: die soziale Ungleichheit. Auf der einen Seite die kleine privilegierte Elite, auf der anderen Seite das ausgebeutete und arm gemachte Volk. Und zwischen den beiden Seiten die Mauer, das Gitter, der Stacheldraht.

 
 

Was können wir tun? Sind Veränderungen überhaupt möglich? Während der Militärdiktatur waren sich die Brasilianer einig: wenn es gelingt, das Land zu demokratisieren, dann überwinden wir alle sozialen Probleme. Nach drei Jahrzehnten demokratischer Regierungen ist die Bilanz jedoch ernüchternd. Trotz Demokratie haben sich die strukturellen Ungleichheitsverhältnisse noch weiter vertieft. Eine neue Verfassung war der zweite Stern der Hoffnung. Und tatsächlich bekam Brasilien 1988 eine demokratische Verfassung, welche erstmals ein breites Spektrum sozialer Rechte verankert und absichert. Doch wieder eine Enttäuschung: der Buchstabe des Gesetzes bleibt bis heute weit entfernt von der Wirklichkeit der Menschen. Also brauchen wir einen Präsidenten, der die sozialen Anliegen des Volkes vertritt: das war die dritte Hoffnung. Auch dieses Vorhaben gelang. Nach verschiedenen Anläufen wurde Luiz Inácio Lula da Silva im Jahr 2002 als erster Gewerkschaftsführer zum Präsident Brasiliens gewählt. Und nach zwei Mandaten gelang ihm sogar die Wahl von Dilma Rousseff als direkte Nachfolgerin im Präsidentenamt. Lula und Dilma vertreten eine Regierung, die Richtungsänderungen sucht, und sicher sind sehr positive Resultate spürbar. Doch die strukturellen Reformen sind auch unter dieser Regierung bis jetzt ausgeblieben.

 

 

Der Niedergang der Militärdiktatur, eine neue Verfassung und eine dem Volk nahestehende Regierung sind sicher wichtige Etappen und bedeuten wesentliche Errungenschaften. Doch sind diese Schritte in keiner Weise endgültig erreichte Ziele. Wirkliche Veränderungen sind langfristig nur dann möglich, wenn Menschen sich vereinen, wenn sie lernen für ihre Rechte einzustehen, wenn sie aufhören, ihre Verantwortung an andere zu delegieren, wenn sie an ihre Kraft glauben, verändernde Subjekte ihrer Geschichte zu sein. Und genau das ist das Ziel, der von Novo Movimento unterstützten Projekte. Es sind langfristige Prozesse der Stärkung sozialer Akteure. Kinder und Jugendliche, Frauen und Männer, Familien aus der Stadt und vom Land diskutieren ihre Wirklichkeit, planen gemeinsame Strategien, ihr Leben zu verändern, um den Zugang zu den fundamentalen Menschenrechten zu sichern. Auch sie sind Teil der oben zitierten Statistiken. Doch ihr Leben ist nicht abstrakt. Es sind Menschen, die sich auf den Weg machen, trotz aller Widersprüche ihres Alltages. Und sie vertrauen auf die Kraft der Gemeinsamkeit und wehren sich gegen jede scheinbare Ohnmacht.

 

 

Sicher stehen wir vor einem langen Weg, vor langfristigen Prozessen. Trotzdem: schon heute können Hoffnungen punktuell greifbar werden, und die Träume von gestern sind heute nicht mehr so unrealistisch. Die erreichten Resultate geben Mut, auf dem Weg zu bleiben, und sind auch uns in der Schweiz Motivation, ein konsequenteres Engagement für eine andere mögliche Welt zu wagen.

(tuto)
 

 
Ciao