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Fröhliche Drachen tanzen am Himmel... oder: wir gehen zurück nach Brasilien!!

 
 

Zwei oder drei Stäbchen aus Bambus übers Kreuz verbunden bilden die Grundlage. Ein Stück Faden verknüpft die Endpunkte der Bambusstäbe und formt den Umriss des entstehenden Drachens. Jetzt kommt das farbige Seidenpapier, das die Grundfläche des fliegenden Spielzeuges abdeckt. Am Schluss ein langer Schwanz mit feinen Seidenpapierstreifen, um das zum Fliegen nötige Gleichgewicht zu ermöglichen. Noch ein paar strategische Knöpfe, welche den Drachen mit dem langen Faden verbinden, und das beliebteste Spielzeug der Kinder in São Paulo ist fertig.

 

Das Wertvollste ist natürlich der hundert Meter lange Faden. Er ist um eine alte Büchse gewickelt und verliert sich nie aus den aufmerksamen Blicken der spielenden Kinder. Denn die Büchse mit dem langen Faden gibt allen die Sicherheit, immer wieder neu mit dem Spiel beginnen zu können. Der Drachen selber ist viel grösseren Gefahren ausgesetzt. Allzu starker Wind zerreisst ihn in luftiger Höhe. Auch Bäume oder Strohm- und Telefonleitungen können den mutigen Flug abrupt unterbrechen.

 
 

Jetzt ist alles bereit, das Spiel kann beginnen. Die Büchse mit dem Faden in einer Hand, der farbenfrohe Drachen mit seinem langen Schwanz in der anderen. Ein kurzer Spurt gegen den Wind, und schon treibt der Drachen in die Höhe. Der Faden rollt sich fröhlich von der Büchse und die geschickten Hände führen den fliegenden Drachen mit mutigen Kurven in den weiten Himmel. Die Hand hält den Faden, und mit geübten Bewegungen wird der Drache gesteuert. Er entfernt sich immer weiter und bleibt trotzdem durch den beinahe unsichtbaren Faden mit dem spielenden Kind verbunden. In windiger Höhe dreht das selbstgebaute Spielzeug elegant seine Runden und wird immer mehr zu einem lustigen Punkt, der mit den Farben der Hoffnung den Himmel ziert.

 
 

Projekte sind wie Drachen am Himmel. Sie reissen den alltäglichen Horizont auf, öffnen neue Perspektiven, wagen sich in ungeahnte Höhen und versuchen, das zu verwirklichen, was gestern noch ganz unmöglich schien. Projekte sind die farbigen Punkte der Hoffnung am Himmel. Zwar stehen die spielenden Kinder mitten in der gegebenen Wirklichkeit, doch trotzdem wagen sie, über die oft erdrückenden Mauern des Alltags zu schauen, neue Möglichkeiten zu erahnen und Formen der Veränderung zu wagen. Der mutige Flug in die windige Höhe kann beginnen. Die Hindernisse und Gefahren sind zahlreich, und die Frustrationen wiederholen sich. Doch nach jedem Flug, auch wenn im schlimmsten Fall der Faden reisst, bleibt immer die Büchse mit einem Stück Faden zurück. Und die Hände, welche den Faden steuern, werden geschickter. Immer besser gelingt es, Gefahren zu meistern, Risiken einzuschätzen, um den Drachen auf sichere Bahnen zu leiten.

 
 

Seit ich Mitte der achtziger Jahre erstmals nach Brasilien ging, habe ich viele dieser farbigen Punkte der Hoffnung am Himmel gesehen. Zuerst waren es kleine, lokale Projekte in der Favela neben dem Autodrom von Interlagos, in der Südzone von São Paulo. Schnell breiteten sich die Initiativen auf den ganzen Favelagürtel dieser Zone aus, und die lokalen Gemeinschaften der Favelas begannen sich zu vernetzen. Die gemeinschaftlichen Strukturen stärkten die Würde ihrer Bewohner und veränderten Schritt um Schritt das Gesicht verschiedener Favelas.

 

In einer zweiten Phase entstand das Kinderrechtszentrum Interlagos, das sich in der ganzen Südzone von São Paulo für die Rechte der Kinder, Jugendlichen und ihrer Familien einsetzt. Immer blieb klar, dass lokal ermöglichte Veränderungen durch die strukturellen Ungerechtigkeiten neutralisiert werden. Neben einer urbanisierten Favela, wo sich langsam eine organisierte und ihrer Rechte bewusste Gemeinschaft bildet, entstehen drei, vier neue Favelas, und die Arbeit muss immer wieder von Neuem beginnen. Die Rechte der Kinder und Jugendlichen wurden zum strukturierenden Element, um das herum sich verschiedene Projekte und Programme bildeten, immer mit dem Ziel, den Schrei der Menschen hörbar zu machen, mögliche Auswege aufzuzeigen und Einfluss zu nehmen auf die meist noch sehr prekär funktionierende Sozialpolitik.

 
 

Gleichzeitig wissen alle, dass die Megametropole São Paulo mit bald zwanzig Millionen Einwohner zu einem nur schwer lebensfähigen Dinosaurier gewachsen ist. Eine nachhaltige Entwicklung dieses endlos scheinenden Beton- und Asphaltteppichs ist undenkbar. Also müssen Lösungen auch ausserhalb der Stadt gesucht werden. Darum arbeitet das Kinderrechtszentrum seit seiner Gründung intensiv mit der brasilianischen Landlosenbewegung zusammen. Denn alle sind sich sicher: die Landreform bedeutet nicht nur mehr und bessere Nahrung für die Bevölkerung, sondern öffnet Alternativen zum mächtigen Migrationsziel Grossstadt.

 

Nach zweiundzwanzig Jahren intensiver Arbeit mit den Volksbewegungen in Stadt und Land entschieden wir uns als Familie, einmal Abstand zu nehmen von Brasilien. Innerhalb von Projekten kann man sich verewigen und läuft immer auch Gefahr, lokale Entwicklungspotenziale in neue Abhängigkeiten zu führen. Und das darf nie das Ziel sein. Auch war es uns wichtig, dass Marcia und Caio die Schweiz einmal intensiver als immer nur im reduzierten Rahmen unserer Ferien kennenlernen konnten. So arbeitete ich während fünf Jahren als Geschäftsleiter von E-CHANGER, jener Organisation mit Sitz in Fribourg also, dank der mein langjähriger Einsatz in Brasilien möglich gewesen war (www.e-changer.ch).

 
 

In diesen fünf Jahren ging es darum, das Programm von E-CHANGER, welches den Einsatz von Fachpersonen in Brasilien, Bolivien, Kolumbien, Nicaragua und Burkina Faso ermöglicht, weiter zu stärken und auszubauen. Gleichzeitig wurde die Basis gelegt, um ab 2013 ein gemeinsames Kooperationsprogramm mit der Bethlehem Mission Immensee und Inter-Agire im Tessin zu starten. Innerhalb dieser institutionellen Zusammenarbeit ist für E-CHANGER eine langfristige Perspektive gesichert, und der Austausch zwischen Menschen als wesentliche Form der Zusammenarbeit gestärkt.

 

Jetzt beginnt eine neue Etappe. Wir gehen zurück nach Brasilien! Jetzt schon packen wir unsere paar Sachen in Kartonschachteln und lassen unseren Drachen erneut in den weiten Himmel steigen. Wir fliegen los nach São Paulo und werden erneut aktiv innerhalb von Projekten, welche die Rechte der Kinder und Jugendlichen stärken und die Landreform vorantreiben. In einer ersten Phase wird meine Arbeit ermöglicht durch Terre des Hommes – Deutschland. Mit unserer Rückkehr nach Brasilien beginnt auch eine neue Etappe für die Projekte von NOVO MOVIMENTO. Und gerade darüber handelt eigentlich der vorliegende Rundbrief. Er ist nicht nur ein Bericht über realisierte Projekte, sondern zeigt gleichzeitig neue Horizonte und teilt mit Euch die Hoffnungen der kommenden Jahre. In poetischer Form und mit Bildern, die für sich selber sprechen, zeigt dieser Rundbrief ebenfalls, was die Arbeit von NOVO MOVIMENTO im Innersten zusammenhält.

 

Und wenn die Projekte von NOVO MOVIMENTO dem farbigen und fröhlichen Drachen am Himmel von São Paulo gleichen, dann seid Ihr der wohlwollende Wind, der den hoffnungsvollen Flug ermöglicht. Die äusserst positiven Resultate der realisierten Projekte der vergangenen Jahre wären ohne Eure Begleitung und Unterstützung nicht denkbar. So freuen wir uns, wieder in die Wirklichkeit von São Paulo, von Brasilien und von Südamerika ein zu tauchen und gleichzeitig mit euch auf dem Weg zu bleiben!

(tuto)

 
Ciao