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Kinderrechtszentrum Interlagos: im Epizentrum sozialer Ungleichheit

 

 

Die soziale Ungleichheit: das wesentliche Problem Brasiliens

 

Die Ungleichheitsproduktion mit ihren spezifischen Exklusionsmechanismen ist aber nicht einfach ein gesichtloses System. Die Ungleichheit an Lebenschancen und Entwicklungsmöglichkeiten, welche wenige mächtige und eine Mehrheit scheinbar ohnmächtiger Menschen produziert, spiegelt sich in allen Formen gesellschaftlicher Beziehungen. Auf der einen Seite die allzu Reichen, welche sich in einer eigenen Welt aus Angst und Vorurteilen abschotten. Auf der anderen, die endlos scheinenden Favelas, der Rand der Stadt, die Hütten, Baracken und improvisierten Unterkünfte. Oder ganz einfach nur die Strasse, eine Brücke, ein Loch in einem Abflussrohr... Und beide Seiten meist nur getrennt durch immer höher werdende Mauern, durch Stacheldraht oder elektrischen Zaun.

 

Die soziale Ungleichheit Brasiliens zeigt sich jedoch nicht nur in der Spannung zwischen Arm und Reich, zwischen Elend und Überfluss. Die vertikalen Beziehungen der Ausbeutung machen auch vor den Türen der brasilianischen Familien nicht Halt. Ausbeutung spaltet nicht nur die Gesellschaft, sondern zerstört oft auch familiäre Beziehungen. Frauen und Kinder sind meist die ersten Opfer der Gewalt. Deshalb erstaunt es nicht, dass in Brasilien die Indizes häuslicher Gewalt enorm hoch sind.

 
 
Das Kinderrechtszentrum Interlagos: den Teufelskreis der Gewalt durchbrechen
 

Das Kinderrechtszentrum Interlagos ist genau in diesem Kontext aktiv. Einerseits geht es darum, bei den lokalen Regierungsstellen die Verantwortung für die Umsetzung der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen einzufordern. Andererseits steht die immer sehr komplexe Arbeit im Zentrum, bei den Opfern der Gewalt – vor allem Frauen und Kinder – den Fatalismus und die Unterwerfung zu überwinden: damit sie Mut fassen, gegen die Gewalt aufzustehen, die Gewalt zu denunzieren, auszubrechen aus den Schlingen der Ausbeutung und der Unterdrückung.

 

 
Die Familie von Fabiana und Raimundo: ein sehr brasilianisches Beispiel
 

Die Geschichte von Fabiana und Raimundo ist ein Beispiel vom Schicksal tausender Familien. Jung verheiratet kamen die beiden nach São Paulo. Im Nordosten Brasiliens sahen sie für sich keine Zukunft und versuchten deshalb ihr Glück im Zentrum der brasilianischen Industrialisierung. Arbeitsmöglichkeiten fanden sie eigentlich immer. Doch selbst das gemeinsame Einkommen war immer zu klein, um eine Wohnung zu mieten. So fanden sie nach jahrelangem Unterschlupf im Haus der Tante von Fabiana in einer Favela der Südzone von São Paulo die Möglichkeit, eine kleine Hütte zu improvisieren. Küche, Wohnzimmer und Schlafzimmer war alles zusammen im einzigen, mit Eternit bedecktem Raum: im Winter sehr feucht und frostig, im Sommer eine permanente Sauna. Als dann die Kinder zur Welt kamen, wurde es immer enger. Mit Leintüchern versuchte Fabiana die Hütte zu unterteilen, doch immer waren alle auf kleinstem Raum beieinander.

 

Fabiana arbeitet bis heute als Köchin bei einer wohlhabenden Familie. Zugang zu Sozialversicherungen hat sie keine. Doch ihr Lohn sichert wenigstens Reis und Bohnen für die ganze Familie. Schwierig wurde es für Raimundo. Ob der immer temporären Arbeit wurde er immer frustrierter. Eine Möglichkeit, eine Berufsausbildung zu absolvieren fand er nie. Und mit wachsender Frustration begann er, wenigstens einige „Lichtmomente“ im Alkohol zu suchen. Natürlich eine Sackgasse mit fatalen Folgen. Denn immer wenn Raimundo betrunken nach Hause kam, brach der Teufel aus. All seine Frustrationen verwandelten sich in rohe Gewalt: zuerst gegen Fabiana, dann auch gegen die vier Kinder. Der älteste hielt es aus, bis er vierzehn war. Dann zog er los, suchte sein Glück auf der Strasse. Er verlor die Beziehung zur Familie und niemand weiss, wo er heute steckt.

 
 
Die Ilusion der Strasse
 

icher hat er auf der Strasse nicht die ersehnte Freiheit gefunden. Er floh vor der Gewalt in der Familie, suchte Zuflucht auf der Strasse, arbeitete an den Ampeln der breiten ‚Avenidas‘, welche breiter als Autobahnen die Stadt in allen Richtungen durchqueren. Von der Gewalt seines Vaters hat er sich befreit. Doch gewiss ist er in die Arme einer Wirklichkeit gefallen, die noch viel gewaltiger die Menschen zerstört: die rohe Gewalt der Militärpolizei, die für ‚Recht und Ordnung‘ schaut und diese Aufgabe meist im Sinne einer ‚sozialen Säuberung‘ interpretiert; oder die Todesschwadrone, welche systematisch gegen Strassenverkäufer vorgehen; oder der Drogenhandel, der die Strassenkinder zwingt, für sie zu arbeiten.

 

 

Der lange Weg der Veränderung

 

Zurück blieb Fabiana mit den drei kleinen Kindern. Eine Freundin gab Fabiana die Adresse des Kinderrechtszentrums und endliche fand sie den Mut, Hilfe zu suchen. Sofort begann das Zentrum, Fabiana und die Kinder zu begleiten. Fabiana war verzweifelt und verlor immer mehr ihr Gleichgewicht. Sie wollte Raimundo nicht verlassen, doch die alltägliche Gewalt hielt sie nicht mehr aus. Zuerst musste ein sicherer Ort für Fabiana und die Kinder gefunden werden. Dann begann das Kinderrechtszentrum, auch den Dialog zum Vater zu suchen. Doch weder Verständnis noch Einsicht waren spürbar. Deshalb suchte das Kinderrechtszentrum die Intervention der Justiz. Die Kinder fanden Unterschlupf in einem Kinderheim, Fabiana blieb bei einer Verwandten. Alle vier wurden psychologisch begleitet und die Sozialarbeiter des Kinderrechtszentrums versuchten, mit ihnen neue, gemeinsame Lebensperspektiven zu finden.

 

Endlich begann auch Raimundo einzusehen, dass es so nicht weitergehen konnte. Er suchte wieder Arbeit, fand auf dem Bau eine provisorische Einkunft und benutzte die Gelegenheit, das Zuhause der Familie zu vergrössern. Jetzt hatte er plötzlich ein klares Ziel vor Augen: er wollte die Familie erneut zusammenbringen. Doch dazu musste er sich vom Alkohol lösen, um den Richter von seiner Veränderung zu überzeugen. Seit fünf Monaten trinkt er nicht mehr. Fabiana ist bereits wieder zurück und gemeinsam versuchen sie, die Rückkehr der Kinder zu bewirken. Letzte Woche war die entscheidende Audienz. Der Richter hat die Möglichkeit einer langsamen Rückkehr der Kinder bestätigt: zuerst am Wochenende, dann während der Ferien am Jahresende. Die Begleitung durch das Kinderrechtszentrum wird eine zentrale Rolle spielen. Fortschritte hat Raimundo sicher gemacht. Doch ob der Neubeginn der Familie auf Anhieb gelingen wird, weiss niemand. Auf alle Fälle freuen sich alle, wieder nach Hause zu gehen und einen Neuanfang zu wagen...

 
 

Die gemeinsame Arbeit bestätigt die Hoffnungen

 

So versucht das Kinderrechtszentrum permanent, den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen. Oft gelingt es, die Menschen zu diesem Schritt zu ermutigen. Doch was kommt danach? Zwar ist die brasilianische Sozialhilfe mitten in einem konsequenten Entwicklungsprozess, doch nur finanzielle Hilfe genügt nie. Es braucht soziale und psychologische Begleitung, Stärkung des lokalen Gemeinwesens in den Favelas und am riesigen Rand der Stadt. Die Kinder und Jugendlichen brauchen eine qualitative Verbesserung der Schulen und eine quantitative Erweiterung der Ausbildungsmöglichkeiten. Sie brauchen Platz, um zu spielen und um Sport treiben zu können. Die professionelle Begleitung von Jugendlichen und Erwachsenen, die im Bann von Drogen aller Art stehen, ist zentral. All das kann ein Kinderrechtszentrum alleine nicht erreichen. Deshalb sucht das Zentrum von Interlagos, das lokale und regionale Netz aller Organisationen zu stärken und durch permanente Weiterbildungsmöglichkeiten für die MitarbeiterInnen in Kinderprojekten zu fördern.

 

Gemeinsam können wir mehr... und erste Schritte, welche die Hoffnungen bestätigen, sind verwirklicht... Also gehen wir weiter auf diesem Weg und versuchen, im Jetzt und Heute eine menschlichere Zukunft vorwegzunehmen. Die lokalen Initiativen werden durch ihre Vernetzung stärker und erhöhen den Einfluss auf die entstehende Sozialpolitik.

 
(tuto)
 

 
Ciao