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Die Kinderrechte im Schatten der Fussball-WM 2014

 

Beat Wehrle (Tuto)

 

 

Die Menschenrechte der Kinder sind unantastbar. Damit sind eigentlich alle einverstanden. Denn wie kann ein Kind sich entwickeln, wie kann es friedlich und gewaltlos reifen, wenn es permanent Opfer physischer und psychischer Gewalt ist? Doch wer die Wirklichkeit der Kinderrechte genauer analysiert, kommt schnell zum Schluss, dass die Distanz zwischen schönen Erklärungen und dem von Kindern gelebten Alltag oft unglaublich gross ist.

So auch in Brasilien. In diesem kontinentalen Land Lateinamerikas mit mehr als 190 Millionen Einwohner leben über 60 Millionen Kinder. Viele von ihnen unter unmenschlichen Verhältnissen in Favelas (Elendsviertel) am Rand der Städte. Allein São Paulo, die grösste Stadt Brasiliens und bekannt als wirtschaftliche Lokomotive des Landes, zählt über zweitausend Favelas, in denen mindestens sieben Millionen Menschen (ein Drittel der Gesamtbevölkerung des Grossraumes von São Paulo und beinahe die Gesamtbevölkerung der Schweiz) eingepfercht ums Überleben kämpfen.

Die Wohnbedingungen sind miserabel. Meist ist Wasser und Strom vorhanden, das Abwasser jedoch bahnt sich stinkend unter freiem Himmel seinen Weg durch das Meer der notdürftig improvisierten Behausungen. Asfaltierte Strassen gibt es in den Favelas keine. Es fehlt an Kinderkrippen, Schulen und Spitälern. Der öffentliche Verkehr ist systematisch überlastet.

 

 

Doch das Brasilien der Favelas kennt man kaum aus den Medien. Berühmt ist die Christusstatue und der Copacabana-Strand von Rio de Janeiro, die Naturschönheit Amazoniens und jetzt natürlich die Fussball-Weltmeisterschaft 2014.

Für die WM werden insgesamt zwölf neue Stadien gebaut. Einzig das neue Stadion in São Paulo wird 400 Millionen Franken verschlingen. Die Hälfte davon ist durch öffentliche Mittel finanziert. Damit könnte man über hundert Schulen, vierhundert Kinderkrippen oder achthundert Gesundheitsstationen bauen. Doch dafür fehlt das Geld...

Genau das ist das Schlimme: Brasilien ist eigentlich ein reiches Land. Die Natur ist von beeindruckender Fruchtbarkeit, Bodenschätze sind überall zu finden, das Klima ist ausser im Nordosten des Landes sehr wohlwollend. Und dennoch lebt ein Grossteil der Bevölkerung in Armut und Elend. Die vorhandenen Mittel dienen nicht dem Wohl aller Menschen, sondern festigen durch Ausbeutung, Korruption und Ungerechtigkeit den Reichtum einer kleinen Elite.

Sicher hat sich die Wirklichkeit Brasiliens in den letzten zehn Jahren verändert. Erstmals entstand z.B. ein nationales Sozialhilfesystem, das bis heute 40 Millionen Menschen dem schlimmsten Elend entriss. Doch mit dem Verheilen einer offenen Wunde ist der Virus der sozialen Ungleichheit noch längst nicht überwunden. Sozialhilfe ohne strukturelle Veränderungen bleibt ein vertröstender Balsam, der die Ursachen der Armut nicht antastet.

 

Aber die Menschen lernen immer mehr, für ihre Rechte einzustehen, gegen Ungerechtigkeit die Stimme zu ergreiffen. Das Kinderrechtszentrum Interlagos versteht sich als Werkzeug, um diesen Prozess zu motivieren, zu begleiten und zu stärken.

Das Kinderrechtszentrum ist keine Schule und auch kein Kinderheim. Es funktioniert als Anlaufstelle für alle Formen der Verletzung der Kinderrechte. Gleichzeitig lanciert und begleitet es in den über zweihundert Favelas von Interlagos in der Südzone von São Paulo, Kinder- und Jugendgruppen, die das Potenzial und die Kreativität der Kinder und Jugendlichen sichtbar machen.

Kinder, Jugendliche und ihre Familien vereinen sich in Selbsthilfegruppen. Sie wissen, dass ihre erlittene Wirklichkeit ein Produkt der ausgrenzenden Gesellschaftsstruktur ist und versuchen in ihrem Alltag kleine Veränderungen zu verwirklichen. Diese kleinen Tropfen der Hoffnung verbinden sich und bilden langsam ein breites Netz. Das Kinderrechtszentrum ist eine Nadel beim Knüpfen dieses Netzes. Es ist ein Instrument, das Kinder, Jugendliche und ihre Familien stärkt, ihnen Mut macht, sie auf dem Weg begleitet. Noch stehen die Kinderrechte im Schatten der Fussball-WM. Doch der Schrei der Kinder wird immer stärker...

 

 
Ciao