line
line
 
line

erste Seite

wer sind wir

unsere Organisation

Kinderrechtszentrum Interlagos

Landlosenbewegung

Infos

poetische Ecke

schreiben Sie uns!

 

Ein Tag im Kinderrechtszentrum Interlagos

 

Beat Wehrle (Tuto)
 

 

Montagmorgen: die allwöchentliche Teamsitzung kann beginnen. Die Mitarbeiter der beiden zentralen Projekte des Kinderrechtszentrum sind versammelt. Kátia, Sozialarbeiterin und Koordinatorin des Projektes ‚Treffpunkt Kinderrecht‘ fasst die vergangene Woche zusammen. ‚Jede Woche kommt ein Dutzend neuer Fälle auf uns zu. Oft werden die Kinder missbraucht und ausgenutzt. Wir versuchen mit ihnen, ihre Rechte zu sichern. Häusliche Gewalt und die Repression der Militärpolizei sind am häufigsten.“ Die soziale Ungleichheit ist in sich eine gewaltige Wirklichkeit, die nicht nur das gesellschaftliche Leben vergiftet, sondern auch die zwischenmenschlichen Beziehungen zerstört.

Gabriela, Psychologin, erzählt vom jüngsten Fall: „Ein dreizehnjähriges Mädchen wurde durch zwei Drogenhändler vergewaltigt. Die Mutter ist unglaublich stark und versucht, den Fall zu denunzieren. Doch der bedrohende Druck ist enorm. Gestern waren wir miteinander auf der Polizeistation, doch die wollten den Fall nicht einmal registrieren. Ich bin sicher, dass die mit den Drogenhändlern verfilzt sind.“

 
 

Das Gefühl der Ohnmacht und der Straflosigkeit breitet seine lähmenden Flügel aus. „Wir leben in einer formalen Demokratie, doch am Ende gilt immer noch das Recht des Stärkeren“, erklärt Thiago, ebenfalls Psychologe des Projektes ‚Treffpunkt Kinderrecht‘. „Wir schwimmen gegen den Strom dieses ungeschriebenen Gesetzes und helfen den Menschen, ihre Rechte zu verteidigen, und ziehen jene, welche die Menschenrechte der Kinder verletzen, zur Rechenschaft. Doch die Gewissheit der Straflosigkeit ist eines der grössten Hindernisse“, erklärt Kátia. „Der einzig mögliche Ausweg ist, unsere Arbeit nicht isoliert zu machen, sondern uns immer systematisch mit dem Sozialhilfesystem zu vernetzen. In den letzten Jahren ist die institutionelle Präsenz des Staates gewachsen, doch noch immer bestimmen Drogenhandel und organisiertes Verbrechen den Lebensrythmus am Rand der Stadt. Das ‚Gesetz des Schweigens‘ ist immer noch stärker als die brasilianische Verfassung.“

Die Arbeit des Projektes ‚Treffpunkt Kinderrecht‘ ist hart. Jeden Tag ist das Team mit absurden Situationen der Gewalt konfrontiert. Der Zusammenhalt des Teams gibt Kraft, miteinander werden die verschiedenen Situationen und Fälle analysiert, mögliche Massnahmen diskutiert. Und die verschiedenen Geschichten von Menschen, denen es gelang die erdrückende Mauer der Gewalt zu überwinden, sind Motor der Hoffnung und der Überzeugung, dass die Umsetzung der Kinderrechte ein wirksamer Weg ist, den Teufelskreis von Elend und Gewalt zu brechen.

 
 

Während das Projekt ‚Treffpunkt Kinderrecht‘ versucht, die Verletzung der Kinderrechte zu denunzieren, arbeitet das Projekt ‚Netzwerk Kinderrecht‘ präventiv. Buiu, Capoeira-Lehrer (Capoeira ist eine afrobrasilianische Kunstform, die Tanz, Musik, Akrobatik und Spiel verbindet. Sie ist als Form des Widerstandes unter den afrikanischen Sklaven Brasiliens in der Kolonialzeit entstanden), informiert über die geplanten Aktivitäten der nächsten Woche. „Die zehn Capoeira-Gruppen der verschiedenen Favelas treffen sich am Samstag an einem zentralen Platz in Interlagos und werden ihre Künste darbieten. Die Kinder sind super motiviert. Sie sind stolz, ihr Können zu zeigen. Auch die Bewohnervereinigungen der Favelas unterstützen diesen Event sehr positiv. Wir rechnen mit über fünfhundert Besuchern!“

Capoeira ist eine sehr brasilianische Art, die eigene Geschichte der Sklaverei zu verarbeiten, traditionelle Kultur zu pflegen und gleichzeitig Sport zu treiben. Natürlich geht es nicht nur um Bewegung. Die Kinderrechte sind immer ein zentrales Thema. Mit den Kindern und Jugendlichen wird diskutiert, sie lernen ihre Rechte kennen, stärken ihr eigenes Bewusstsein und werden dank ihrer Gemeinsamkeit weniger verletzbar.

„Und vergesst nicht die Weiterbildung am Freitag“, erinnert Fernanda, Koordinatorin des Projektes ‚Netzwerk Kinderrecht‘, bevor sich die Teamsitzung auflöst, und alle ihrer spezifischen Arbeit nachgehen. „Jeden Freitag treffen sich dreissig bis vierzig Jugendliche aus den verschiedenen Favelas der Region. Das ist jetzt bereits der vierte Kurs, den wir im Kinderrechtszentrum organisieren“, erklärt sie. „Während einem Semester treffen sich die Jugendlichen. Alle sind in Kinder- und Jugendgruppen der Favelas aktiv und haben so ein riesiges Multiplikationspotenzial, das wir nützen wollen. Unser Ziel ist es, die Selbstorganisation der Jugendlichen und der Favelagemeinschaften zu stärken, damit die Menschen die Veränderungskraft ihrer Gemeinsamkeit erkennen und stärken“, schliesst Fernanda das Gespräch ab.

 

 
Ciao