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Kampagne von E-CHANGER zur Fussball-Weltmeisterschaft in Brasilien

 

Mit Strassenfussball gegen die Marktlogik der Fussball-WM

 

 

Interview mit Sergio Haddad über ein Fussballkonzept, das die Bürgerrechte stärkt

Interview: Sergio Ferrari, Pressedienst E-CHANGER - Übersetzung: Theodora Peter

 

Der 64-jährige Soziologe Sergio Haddad ist Mitinitiant des Weltsozialforums, das 2001 erstmals in Brasilien stattfand. Er ist Gründer der NGO „Ação Educativa“ und einer der wichtigsten Promotoren der 3. Strassenfussball-WM, die vom 1. -12. Juli in São Paulo stattfindet. Strassenfussball wird in 64 Ländern praktiziert, 30 davon werden in São Paulo vertreten sein.

 
 

Welcher Stellenwert hat der Fussball in Brasilien und Lateinamerika?

Sergio Haddad: Fussball ist eine Leidenschaft, die zu unserer Volkskultur gehört. Fussballspielen ist Freizeitgestaltung für Kinder und Jugendliche aller sozialen Klassen. Schon von klein auf kicken die Kinder einen Ball – sei er aus Fetzen oder Leder – auf Plätzen in der Vorstadt oder in schicken Klubs der Mittelklasse.

 

Welche wirtschaftlichen Interessen stehen hinter dem Fussball?

SH: Wie alles in unserer Gesellschaft ist auch der Fussball einer starken Profitorientierung unterworfen. Parallel zur Dominanz der wirtschaftlichen Interessen sind die Spieler enormen Ungleichheiten ausgesetzt: Einige verdienen ein Vermögen während die Mehrheit kaum genug zum Überleben hat. Zweifellos spiegelt dies die gesellschaftliche Realität in der Welt und speziell in Lateinamerika wider. Wir sind Meister in der Anhäufung von Vermögen – dies dank der neoliberalen Politik der letzten Jahre. Einige Spieler gelten dabei auch im Volk als „Helden“. Sie stehen für die falsche Hoffnung, dass man mit Fussball den sozialen Aufstieg schaffen kann. Dabei wissen wir genau, dass dies für die Millionen von Menschen, die weltweit diesen Sport betreiben, eine Illusion ist.

 
 

Diesen wirtschaftlichen und sozialen Zwängen zum Trotz: Ist ein alternatives Konzept von Fussball vorstellbar?
SH: Die entscheidende Frage ist, ob der Fussball – wie jede andere sportliche, soziale oder kulturelle Tätigkeit – anderen Werten als dem Markt und dem Konsum dienen kann. Das ist ohne Zweifel eine grosse Herausforderung für jene, die sich für eine andere Welt einsetzen, die auf sozialer Gerechtigkeit, Solidarität und echter Demokratie basiert. Das Konzept des Strassenfussballs geht auf die 1990er-Jahre zurück. Entstanden ist der Strassenfussball im Quartier Chaco Chico von Moreno, einer Vorstadt von Buenos Aires. Ziel war es, die Jugendlichen in einer von Gewalt geprägten Realität mit einer sozialpädagogischen Aktivität einzubinden. Die Regeln des Spiels variieren je nach Ort, doch es gibt einige Grundprinzipien.

 

Wie funktioniert Strassenfussball konkret?
SH: Ein Spiel besteht aus drei „Halbzeiten“, und die Teams sind zwingend geschlechtergemischt. Im ersten Spieldrittel werden die Spielregeln bestimmt. Sie basieren auf Grundwerten wie Respekt, Solidarität, Zusammenarbeit und Toleranz. Dafür werden dann später Punkte vergeben. Im zweiten Drittel wird gemäss den definierten Regeln gespielt. Und im letzten Drittel bewerten beide Teams, ob die anfangs definierten Abmachungen eingehalten wurden. Aufgrund dieser Evaluation wird der Gewinner bestimmt. Statt eines Schiedsrichters gibt es einen Mediator, der im Konfliktfall vermittelt und an die Grundwerte erinnert.

 

Diese Regeln stehen in ziemlichen Gegensatz zu dem, was man in der Öffentlichkeit vom Fussballgeschäft kennt. Können Jugendliche damit umgehen?
SH: Klar ist es schwierig, sich gegen das bestehende System zu wehren, aber unmöglich ist es nicht. Inzwischen praktizieren immerhin weltweit gegen 600‘000 Jugendliche weltweit diese partizipative Art von Fussball, die sich für Dialog und Respekt einsetzt.

Welche Bedeutung hat für Sie vor diesem Hintergrund die Fussball-Weltmeisterschaft in Brasilien?
SH: Es gibt verschiedene Facetten. Einerseits besteht das Risiko, dass die WM Menschenrechtsverletzungen, Rassismus und Diskriminierung hervorbringt. Aber die WM bietet auch die Gelegenheit, die Welt auf andere Weise zu betrachten, indem Differenzen respektiert und Frieden gefördert wird. Die Herausforderung besteht darin, diese andere Sichtweise zu stärken.

 
 

Trotz grosser Fussball-Leidenschaft kam es im letzten Jahr im Zusammenhang mit der WM in Brasilien zu sozialen Massenprotesten. Wie sind diese zu verstehen?
SH: Diese Proteste richten sich nicht gegen die WM, aber gegen die öffentlichen Ausgaben für die Organisation des Anlasses – angesichts des prekären Service public bei der Bildung, im Gesundheitswesen und beim Transport. Zudem wurden Grundrechte verletzt, etwa mit der Wegweisung von Familien aus ihrem Wohnraum, um Platz für den Bau der Stadien zu schaffen. Auch nimmt die Prostitution durch den WM-Tourismus zu. Ein Teil der Proteste richtet sich auch gegen die FIFA an sich und gegen die von ihr und ihren Sponsoren aufgezwungenen Bedingungen zur Durchführung der WM.

Ist die Strassenfussball-WM von Juli in São Paulo somit als Alternative zur FIFA-WM konzipiert?
SH: Es ist eher eine symbolische Alternative, weniger in Bezug auf die FIFA, sondern eher als Alternative zu den an der WM dominieren Werten des Marktes. Die Strassenfussball-WM ist ein kleines Samenkorn nebst weiteren Initiativen, die sich für andere Werte einsetzen. Es ist nicht unbedingt die Absicht, einen Kontrapunkt zur WM zu setzen. Wir bauen eine Bewegung auf, die zusammen mit anderen Aktionen zu anderen ethischen Normen beitragen will.

Was erwartet man in Brasilien in Zusammenhang mit der WM von der Zivilgesellschaft in der Schweiz und Europa?
SH: Europa durchlebt eine Wirtschaftskrise mit verschiedensten Gesichtern. Die traditionellen sozialen Bewegungen scheinen geschwächt. Die Arbeitslosigkeit steigt, der Sozialstaat wankt, die Ungleichheiten nehmen zu, was Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung schürt. Das mit der WM verbundene Medieninteresse für Brasilien bietet auch eine Möglichkeit, den Fokus auf alternative Initiativen zu richten. Brasilien ist nicht nur die Wiege des Weltsozialforums, sondern beherbergt auch starke soziale Bewegungen - sowohl in der Stadt wie auf dem Land. Wir werden versuchen, diese Facetten aufzuzeigen. Die Zivilgesellschaft des Nordens ist aufgefordert, Alternativen auszuarbeiten.

 
Mehr über die durch Novo Movimento unterstützte Kampagne:
Kampagne 'Goals gegen die Ungerechtigkeit'
Gesamtprogramm der Kampagne 'Goals gegen die Ungerechtigkeit'
 

 
Ciao