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Brot und Spiele: das ist vorbei!

 

Beat Wehrle (Tuto)
 

 

Pronto! Jetzt gehts los! Die gigantische Show der Fussball-WM kann beginnen. Der Beton der letzten Baustellen der Stadien ist beinahe trocken, und die geplanten Infrastrukturprojekte wenigstens teilweise umgesetzt. Ein überall spürbares Unbehagen gegenüber dem Geschäftsmodell der Fifa und der systemischen Korruption hängt in schweren Wolken über Brasilien. Trotzdem beginnen Grün und Gelb, die nationalen Farben Brasiliens, langsam das Strassenbild zu beherrschen. Fussball in Brasilien ist eben mehr als nur ein beliebter Sport. Fussball gehört zur brasilianischen Kultur.

Auch in der Favela Rua Nova in der Ostzone São Paulos, gerade drei Kilometer Luftlinie vom Stadion des Eröffnungspieles zwischen Brasilien und Kroatien entfernt, sind die engen Gassen voller Fahnen und Graffitis, die in freudigem Farbenspiel das Fest der WM feiern. Aber auch kritische Töne sind immer wieder präsent: Eine Weltmeisterschaft für wen?, fragt ein Graffiti, das Murilo – ein siebzehnjähriger Bewohner der Favela – mahlt. „Natürlich freuen wir uns über die WM. Ich werde alle Spiele verfolgen. Nur schade, dass wir nur über das Fernsehn dabei sein können“, erzählt Murilo. Wegen der Eröffnung der WM ist in Brasilien nationaler Feiertag. Auch Murilo gönnt sich einen freien Tag, schmückt mit den Kindern und Jugendlichen die Favela, um anschliessend im Gemeinschaftszentrum das langerwartete Eröffnungsspiel zu verfolgen. Morgen muss er dafür doppelt anpacken... Murilo arbeitet als Schuhputzer im Zentrum von São Paulo und absolviert abends die neunte Klasse der Grundschule.

Das Fussballfieber hat also die Protestwelle, welche letzten Juni während des Confed-Cup begonnen hatte, endgültig weggewischt? Natürlich nicht! Die Kundgebungen gehen konstant weiter, auch wenn sie im Augenlick weniger massiv sind. Brasilien ist durch perverse soziale Ungleichheit gezeichnet und bleibt deshalb ein Land voller Konflikte: auch während der Fussball-WM.

Dennoch hat die WM bereits eine äusserst erfreuliche Wirkung produziert: das althergebrachte Schema von ‚Brot und Spielen‘ funktioniert nicht mehr. Sicher hat sich die Situation in Brasilien in den letzten zehn Jahren verbessert. Brasilien erreichte bereits das UNO-Milleniumsziel der Armutsreduktion und hat erfolgreich ein nationales Sozialhilfeprogramm verwirklicht. Doch die Menschen wollen mehr, sie geben sich nur mit Sozialhilfe nicht mehr zufrieden. Sie wollen die gesetzlich verankerten sozialen Rechte endlich verwirklicht sehen.

Und wenn Kundgebungen realisiert werden, dann sind auch Murilo und die Bewohner der Favala Rua Nova mit von der Partie. „Aber ich hoffe natürlich trotzdem“, bestätigt er mit sicherem Ton, „dass Brasilien Weltmeister wird!“

 
Ciao