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Public Viewing in der Favela: vielmehr als nur ein Fussballspiel

 

Beat Wehrle (Tuto)
 

 

Fussball und Trommeln gehören in Brasilien zusammen. Der pulsierende Rhythmus treibt den rollenden Ball nach vorn, erzählt von der brasilianischen Verspieltheit, erinnert an die afrikanischen Wurzeln und zeigt symbolisch den ungebrochenen Willen, die gewaltige Wirklichkeit Brasiliens im Takt der Trommeln zu verändern.

Natürlich dürfen die Trommeln längst nicht mehr in die Stadien. Doch am Rand der Stadt und in den Favelas sind sie dem Fussball treu geblieben. So auch in der Favela Rua Nova, in der Ostzone von São Paulo. Bei jedem Spiel Brasiliens treffen sich die Kinder und Jugendlichen im Gemeinschaftszentrum der Favela. Didi, die Leiterin der Perkussionsgruppe, bringt ihre Trommel für ein, zwei Takte ins Rollen, und sendet unüberhörbar die Einladung durch die ganze Favela. Wenige Minuten später ist die Gruppe versammelt.

Jetzt startet der Samba so richtig durch. Die Gruppe schlängelt sich durch die engen Gassen der Favela. Die freudenvollen Trommeln und Pauken kontrastieren mit dem nicht kanalisierten Abwasser. Die improvisierten Behausungen zittern mit jedem Paukenschlag. Der Umzug wird immer grösser und die Perkussionsgruppe trommelt – im wahrsten Sinn des Wortes – die Leute zum alternativen „Public Viewing“ zusammen.

Schnell ist das Betondach des Gemeinschaftszentrums – der grösste „Platz“ der Favela – überfüllt. In der Ecke steht der alte Fernsehkasten, nebem ihm der Tisch mit dem improvisierten Imbiss. Natürlich haben hier die Fifa-Public-Viewing-Regeln nichts zu melden. Jeder hat irgendetwas mitgebracht: Popkorn und Maiskuchen, Orangen und Bananen. Der grosse Hit ist das typisch brasilianische Erfrischungsgetränk Guaraná, eine tropische Frucht aus dem Amazonas.

Didi freut sich über die massive Beteiligung. „Siehst du“, flüstert sie mir ins Ohr, „die WM ist viel mehr als Show und Korruption. Wir nutzen sie, um den gemeinschaftlichen Zusammenhalt unter den Kindern und ihren Familien zu stärken!“. Dann die Hymne: alle singen mit vollen Kehlen mit, die Trommeln begleiten. Alle schauen auf den Fernseher, das alle vereinende Ziel ist klar: Vai Brasil! Hopp Brasilien!

In São Paulo hat bereits der Winter begonnen und es dunkelt schnell. Die Nacht kehrt ein. „Um diese Zeit sind normalerweise alle zuhause“, erklärt Didi. „Denn wenn es dunkel ist, übernimmt der Drogenhandel hier die Herrschaft“. Die Aktivität auf dem Betondach des Gemeinschaftszentrums hat also eine viel tiefere Bedeutung. Das Ziel ist das Stiften von Gemeinschaft, der Aufbau eines sozialen Netzes in der Favela, das dem Drogenhandel den Nährboden der Angst und der Passivität entzieht.

Und sicher ist diese kleine Initiative viel wirksamer als die militärische Besetzungen von Favelas, so wie sie in Rio de Janeiro seit Monaten realisiert werden. Hier in der Favela Rua Nova ensteht langsam und organisch eine lokale Eigeninitiative, die stark von Kindern und Jugendlichen der Favela selbst getragen ist. Dort wird die Gewalt des Drogenhandels durch die Willkür der Militärpolizei ausgetauscht.

 
Ciao