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Die sozialen Proteste und das Fussballfest

 

Beat Wehrle (Tuto)
 

 

In letzter Zeit ist Brasilien in den Schlagzeilen. Doch die Berichterstattung gleicht einem wahren Aprilwetter. Noch vor wenigen Monaten wurde das grösste Land Südamerikas in den internationalen Medien als jenes Schwellenland gelobt, das vor dem grossen, definitiven Sprung in die ‚entwickelte‘ Welt sei. Kurz danach schlug die Welle um: im Vorfeld der Fussball-WM häuften sich alarmierende Berichte über politische Unruhen, Gewaltverbrechen, Chaos der urbanen Infrastruktur.

Brasilien ist aber nicht das eine oder das andere, beide Seiten bilden die Komplexität dieses kontinentalen Landes. Tatsächlich gehört Brasilien zu den zehn stärksten Wirtschaftsmächten und gleichzeitig ist es ein Land perverser sozialer Ungleichheit. Soziale Ausgrenzung, Gewalt, organisiertes Verbrechen und Drogenhandel sind logische Folgen einer systematischen sozialen Apartheid, welche wenige reicher und mächtiger macht und die Mehrheit zu Armut und Elend verdammt.

 
 

Durch die massiven Kundgebungen im Juni 2013 während des Confed-Cups wurde der breite Unmut angesichts der durch die WM noch verstärkten Gegensätze überall sichtbar. Vor allem die Jugend ging auf die Strasse und kämpft für würdige Lebensperspektiven. Die Antwort auf diesen ausbrechenden, jugendlichen Frühling war aber brutale Polizeigewalt. Auf die Proteste folgte nicht Austausch, Dialog und Konsens, sondern wachsende und unverhältnismässige Repression.

Im Vorfeld der Fussball-WM haben die Sicherheitskräfte weiter massiv aufgerüstet, und die Eskalation der Gewalt schien evident. Doch die organisierten, sozialen Bewegungen haben sehr gut reagiert. Sie haben ihre Proteste und Kundgebungen nicht während der WM, sondern vorher realisiert. Vor allem die Wohnbewegung, welche Familien am Rand der Stadt und in den Favelas vereinigt, konnte durch ihre Aktionen vielversprechende Verhandlungen mit den verschiedenen Regierungsinstanzen erzwingen.

Die grosse Welle der Proteste während der WM ist deswegen ausgeblieben. Die brasilianische Gastfreundlichkeit gibt im Moment den Ton an, die WM verläuft ruhig und das Fussballfest ist überall spürbar. Doch die immer vollen Stadien und die beeindruckende Stimmung, die durch die Fernsehübertragungen in die deutschen Stuben gelangen, sind nur ein Teil der Wirklichkeit. Der stark gewachsene repressive Polizeiapparat, der auch nach der WM zurückbleiben wird, sichert Ruhe und Ordnung: die herrschende Ordnung sozialer Ungleichheit.

„Am 1. April dieses Jahres“, erklärt Raimundo Bonfim, Koordinator der brasilianischen Vereinigung der Volksbewegungen, „war das fünfzigste ‚Jubiläum‘ des Militärputsches von 1964. Seit 1985 ist Brasilien zwar eine formale Demokratie, doch die Spuren der Militärdiktatur sind bis heute überall spürbar. Die Militärpolizei ist das beste Beispiel. Sie wurde während der Zeit der Diktatur aufgebaut und bleibt bis heute in allen Bundesstaaten unverändert bestehen. Wir hoffen nur, dass der noch weiter verstärkte Polizeiapparat nicht das einzige Legat der Fussball-WM sein wird!“.

 
Ciao