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Durch Strassenfussball zu den Kinderrechten

 

Beat Wehrle (Tuto)
 


 

Benaglio und Shaqiri sind plötzlich bekannte Namen in São Paulo. Der Grossteil der brasilianischen Bevölkerung stand sowieso auf der Seite der Schweizer, denn mit Argentinien hat Brasilien eine ähnliche Liebesbeziehung wie Zürich mit Basel. Doch selbst diese massive Unterstützung konnte die knappe Niederlage nicht verhindern. Am Ende stand der runde Aluminiumpfosten dem Schweizerglück im Wege. Vitor, ein Jugendlicher der Favela Rua Nova in der Ostzone von São Paulo, zeigt sich erstaunt über die Leistung der Schweizer Nati. „Das hätte ich nicht erwartet, dass die Schweizer so gut gegen Argentinien abschneiden!“, sagt er mit anerkennendem Blick. „Die haben wirklich gekämpft!“.

Vitor weiss, was kämpfen heisst. Er ist in der Favela geboren und immer meinten seine Eltern, die notdürftige Behausung im Armenviertel sei nur das Sprungbrett zu einem besseren Leben in der 20-Millionen-Metropole São Paulo. Doch das Armenviertel ist der Familie zur Sackgasse geworden. Vitors Mutter arbeitet als Hausangestellte bei einer Familie der oberen Mittelschicht und weiss nicht, wie lange sie dort noch bleiben kann. Denn vor wenigen Monaten wurden in Brasilien endlich die Arbeitsrechte der Hausangestellten gesetzlich verankert. Jetzt sei sie zu teuer geworden, erzählt Maria do Carmo, Vitors Mutter, und hat Angst, die mit weniger als einem Mindestlohn bezahlte Arbeit zu verlieren. Der Vater starb vor vielen Jahren und so übernahm Vitor schon sehr jung Verantwortung. Heute ist er sechzehn, geht in die neunte Klasse und arbeitet in einer ‚Borracharia‘, die platte Pneus repariert und alte Reifen mit neuem Gummibelag aufpoliert.

In seinen freien Stunden spielt er Fussball. Doch einen Fussballplatz gibt es in der Favela Rua Nova nicht. „Wir spielen Strassenfussball“, erzählt Vitor. Dieses ganz eigene Fussballkonzept heisst aber nicht nur so, weil es auf der Strassen und in den engen Gassen gespielt wird. Strassenfussball ist gleichzeitig eine sozialpädagogische Methode, die das Fussballspiel nutzt, um mit den Jugendlichen der Favelas Konfliktbewältigung, Dialog und Konsensfähigkeit zu lernen. Vitor erklärt, wie Strassenfussbal konkret funktioniert: „Ein Spiel besteht aus drei Dritteln und in den Teams spielen immer Knaben und Mädchen miteinander. Im ersten Drittel bestimmen wir gemeinsam die Spielregeln. Dabei zählen nicht nur Tore, sondern Grundwerten wie Respekt, Solidarität, Zusammenarbeit und Toleranz geben ebenfalls Punkte. Im zweiten Drittel wird gemäss den definierten Regeln gespielt und im letzte Drittel diskutieren alle gemeinsam, welches Team die gemeinsamen Regeln eingehalten hat. Gemeinsam wird der Gewinner bestimmt. Einen Schiedsrichter gibt es nicht. Nur einen Mediator, der im Konfliktfall vermittelt und an die Grundwerte erinnert“.

Vitor ist seit gut einem Jahr selber Mediator im Strassenfussball. Und langsam reift er in seiner neuen ‚Leaderrolle‘, die nicht nur beim Fussball zum Tragen kommt. „Durch den Strassenfussball habe ich selber viel gelernt. Wir brauchen einander, um unsere Wirklichkeit zu verändern. Und ich bin glücklich, eine Alternative zur ‚Karriere‘ im Drogenhandel gefunden zu haben, um wahrgenommen zu werden und als Jugendlicher respektiert zu sein“. Vitor hat viel zu tun, denn in diesen Tagen beginnt in São Paulo die alternative Strassenfussball-WM. Und da ist er natürlich mit voller Kraft und Energie mit dabei.

 
Ciao