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Fazit der Fussball-WM: das wahre Gesicht Brasiliens

 

Beat Wehrle (Tuto)
 


 

Nach dem Confed-Cup im Juni des vergangenen Jahres beherrschten zwei Hypothesen die Analyse der Wirklichkeit Brasiliens: zum einen wird die Fussball-WM ein absolutes Chaos, da einem Land wie Brasilien die nötige Kompetenz fehlt, einen globalen Event zu organsieren, und zum anderen hat Brasilien wenigstens eine starke Nationalelf, die auf dem Fussballplatz gute Chancen hat. Was wir in den letzten fünf Wochen erlebt haben, ist genau das Gegenteil. Die brasilianische Nationalmannschaft war dem natürlichen Druck nicht gewachsen und brach förmlich auseinander. Die WM aber wurde zu einem internationalen Erfolg, der Brasilien von einer äusserst positiven Seite präsentiert. Die Infrastruktur, die Stadien, die Flughäfen: alles funktionierte bestens, und die brasilianische Gastfreundlichkeit machte die WM zu einem Fest des Austausches und der Begegnung. Gewalt, Chaos und Unruhen beherrschten in keiner Weise das angenehme Klima des Fussballfestes.

Das international sichtbare Fest fand in den Stadien statt. Dort war aber nur ein Teil der brasilianischen Bevölkerung anzutreffen: die kleine, weisse Oberschicht. Die Mehrheit der brasilianischen Bevölkerung blieb vom Fest in den Fussballstadien ausgeschlossen. Ein klares Zeichen also, dass oberflächliche WM-Euphorie ebenfalls fehl am Platz ist. Brasilien bleibt ein Land sozialer Ungleichheit: auch nach der WM. Zurecht ist die soziale Frage Nährboden zahlreicher Kundgebungen, welche die aktuellen Prioritäten öffentlicher Investitionen hinterfragen, auf die elementaren Menschenrechte aufmerksam machen und wachsende soziale Investitionen fordern. Natürlich sind die 3 Milliarden Euros, welche in die Stadien investiert wurden, viel Geld. Doch das eigentliche Problem sitzt viel tiefer: durch den unverhältnismässig hohen Zins der öffentlichen Schulden verliert Brasilien jährlich über 80 Milliarden Euros an Investitionspotenzial, und der in den kommenden Tagen beginnende Wahlkampf wird ebensoviel Geld verschlingen wie die Kosten aller Stadien zusammen.

Die Geschichte Brasiliens ist durch vierhundert Jahre koloniale Ausbeutung gezeichnet. Die Sklaverei wurde erst vor wenig mehr als hundert Jahren abgeschafft und während der Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts litt Brasilien unter zwei Diktaturen. Seit 1985 ist Brasilien eine formale Demokratie, doch die Demokratisierung der autoritären und vertikalen Gesellschaftsstruktur ist noch längst nicht abgeschlossen. Auch die solidarische Integration Brasiliens in eine globale Wirtschaft ohne Ausbeutung und Ungerechtigkeit bleibt träumende Zukunftsmusik.

So hat die WM das wahre Gesicht Brasiliens, das durch Gegensätze und Widersprüche gezeichnete ist, sichtbar gemacht. Obwohl in den letzten zehn Jahren im kontinentalen Land Südamerikas viel in Bewegung gekommen ist, obwohl extreme Armut reduziert wurde und die soziale Ungleichheit leicht abgenommen hat, warten unendlich viele Fragen auf eine Lösung. Doch gerade weil gesellschaftliche Veränderungen langsame Prozesse brauchen, ist Brasilien trotz allem ein Zeichen der Hoffnung. Die aufmüpfige Jugend und die organisierten Volksbewegungen lassen sich durch Fussball nicht mehr betäuben. Obwohl sie beim ofiziellen Fest keinen Platz hatten, haben sie trotzdem ihr Fussballfest gefeiert und arbeiten unbeirrt weiter für Gerechtigkeit und Menschenwürde. Dass Brasilien aber schon heute keine exotische Bananenrepublik mehr ist, beweist die Staatsanwaltschaft von Rio de Janeiro. In der ‚Küche‘ der FIFA selber flog durch ihre Ermittlungen ein ilegaler Schwarzmarkthändler-Ring auf, der bereits während der Weltmeisterschaften in Deutschland und Südafrika tätig war.

 

 
Ciao