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Neue Perspektiven im Programm 'Netzwerk Kinderrecht'

 
Beat Wehrle (Tuto)
 

 

Das Programm ‚Netzwerk Kinderrecht‘, das präventiv arbeitet und geschützte Räume schafft, um Kinder und Jugendliche für ihre Rechte zu sensibilisieren, ist die aktive Beteiligung das zentrale Thema. Spiel, Sport und kulturelle Aktivitäten ziehen die Kinder an, entreissen sie den Gefahren der Strasse und öffnen ihnen ein neues Umfeld, um ihre menschliche Entwicklung zu fördern.

In den letzten Jahren hat sich ein breites Netz von kleinen, lokalen Initiativen in den Favelas und Quartieren am Rand der Südzone von São Paulo gebildet. Diese haben immer sehr positive Wirkungen gezeigt, weil neue Referenzbeziehungen entstehen und die Kinder und Jugendlichen die Aktivitäten selber mitgestalten. Darum ist das Kinderrechtszentrum seit mehr als einem Jahr mit dem Sozialamt der Stadt São Paulo im Gespräch, diese guten Erfahrungen in breiterer Form umzusetzen. Denn kleine Projekte sind natürlich gut und wichtig, doch nur universale Sozialpolitik kann wirklich Kinderrechte sichern.

Während mehr als einem Jahr haben wir mit der Gemeinde gerungen. Oft schien es, als ob sich Türen öffnen würden, doch immer wieder erlebten wir frustrierende Rückschläge. Ende September wurde der Durchbruch endlich möglich. Dank einer direkten Zusammenarbeit mit dem Sozialamt der Gemeinde São Paulo konnte das Kinderrechtszentrum einen neuen ‚Circo Escola‘ eröffnen. Wörtlich übersetzt heisst das ‚Zirkusschule‘. Natürlich sind wir keine Schule für Zirkusleute, sondern ein grosses Zirkuszelt ist der Ort, wo wir mit über 600 Kindern und Jugendlichen neu unterwegs sein können.

 
 

Das Zirkuszelt und die dazugehörenden Räumlichkeiten sind im Besitz der Stadt São Paulo, und das Kinderrechtszentrum Interlagos gestaltet den sozialpädagogischen Inhalt. Unser Zirkus liegt genau im Herzen des Distriktes Grajaú, des grössten der Stadtregion Interlagos. Damit erweitert das Projekt ‚Netzwerk Kinderrecht‘ nicht nur seine Reichweite, sondern hat mit dem ‚Circo Escola‘ ein pulsierendes Herz gewonnen. Das Ziel des Kinderrechtszentrums ist es, aus der Zirkusschule einen strategischen Referenzpunkt des Zusammenkommens und des Austausches zu machen. Die Zusammenarbeit mit dem Sozialamt sichert einen Grossteil der Finanzierung des ‚Circo Escola‘. Aber nur die unmittelbare Unterstützung durch Novo Movimento hat diesen hoffnungsvollen Schritt ermöglicht!

Spiel, Sport, Theater und Musik gestalten die Aktivitäten im neuen ‚Circo Escola‘. Aber natürlich geht es um viel mehr als nur um sinnvolle Freizeitbeschäftigung. Alle Aktivitäten haben wie im Eishockey drei Drittel. Im ersten Drittel werden miteinander die gemeinsamen Regeln bestimmt und die spezifischen Verantwortungen verteilt. In jeder Aktivität oder jedem Spiel sind die Teams immer aus Knaben und Mädchen zusammengestellt. Damit wird der altbekannte lateinamerikanische Machismo thematisiert, und die Sensibilität für die gleichen Rechte von Mann und Frau wird gestärkt. Im zweiten Drittel geht das Spiel dann richtig los. Die Kinder und Jugendlichen spielen Fussball, sie tanzen den ganz brasilianischen Capoeira, trommeln auf ihren Büchsen und Eimern oder bringen in einem improvisierten Theaterstück ihre erlittene Wirklichkeit zum Ausdruck.

 
 

Ein wichtiges Detail: in keinem Spiel gibt es einen Schiedsrichter, der immer alleine entscheidet, was richtig oder falsch ist. Natürlich werden die Aktivitäten durch die Mitarbeiter/Innen des Kinderrechtszentrums begleitet. Doch sie greifen möglichst wenig ein und erinnern die Beteiligten vor allem an die gemeinsam verhandelten Regeln. Im letzten Drittel wird schliesslich gemeinsam ausgewertet, ob die Regeln eingehalten wurden, ob alle die ihnen anvertraute Verantwortung übernommen haben. Gepunktet wird nicht nur im Spiel des zweiten Drittels. Beim Fussball zählen also nicht nur die erzielten Tore, sondern Grundwerte wie Respekt, Solidarität, Zusammenarbeit und Toleranz geben ebenfalls Punkte.

Durch diese Arbeitsmethode, die alle Aktivitäten bestimmt, sind die Kinder und Jugendlichen nicht ‚Konsumenten‘ der verschiedenen Angebote. Sie selber prägen das Spiel, das Theater, die Perkussion. Sie lernen, sich nicht nur als Opfer einer ungerechten Lebenssituation zu erfahren, sondern werden aktiv, um ihre Wirklichkeit zu gestalten und zu verändern. Sie stärken das in ihnen gegenwärtige Potenzial, übernehmen Verantwortung und geben der gemeinschaftlichen Organisation in den Favelas ein neues Gesicht.

Bernardo bringt es auf den Punkt: „Im Projekt habe ich gelernt, das ich etwas kann und etwas vermag. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass ich noch sehr viel lernen muss, aber auch lernen will. Vor allem habe ich Freunde gewonnen. Heute weiss ich, was eine Familie ist. Dieses Miteinander habe ich vorher in meinem Leben nie erfahren. Und ich bin glücklich, eine Alternative zur ‚Karriere‘ im Drogenhandel gefunden zu haben.“

 
 

 
Ciao