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Dorothee Sölle: Die Bewegung der Landlosen

 

„Terra repartida, vida garantida!“ Das Schild mit diesem Spruch (frei übersetzt: verteiltes Land, gesichertes Leben!) sieht etwas abgestossen aus, José, der junge Mann am Eingang des schwarzen Zeltes, etwas mitgenommen. „Sie kennen unseren historischen Kampf nicht“, beginnt er, grossspurig vor Unsicherheit, „wir sind jetzt vier Jahre hier im Lager. Wir haben dreizehn, nein vierzehn Versuche gemacht, Land zu besetzen. Wir waren schon lange in Gemeinden organisiert. Leute, die nicht in die Stadt abwandern wollen, weil sie wissen, was sie in den Favelas erwartet. Die erste Besetzung war in der Nacht vom 22. November 1987, zwei Plätze versuchten wir zu halten. Aber der Richter warf uns wieder hinaus, vom Gesetz ist keine Lösung zu erwarten. Ein Kleinbauer hat uns Land gegeben, das Lager hier aufzustellen.

 
 

Ich war auf dem ersten Platz dabei, der gehört dem heutigen Agrarminister, der war sehr gewalttätig mit der Polizei. Heute muss er uns anhören! Der besitzt fünfunddreissigtausend Hektar land, davon hat er fünfzehnhundert legalisiert. Der Richter gab unserer Berufung (auf die Verfassung, die Landverteilung vorsieht) nicht nach, er war geschmiert. Dann haben wir eine Fazenda von sechzehntausend Hektar besetzt, wurden rausgeschmissen, bekamen aber stattdessen sechshundert Hektar und das Versprechen: In dreissig Tagen genug Land für alle! Wir sitzen noch heute im Lager. Grossgrundbesitzer, Ärzte, Radio – sie sind gegen uns. Wir hier bauen keine Sojabohnen an, deswegen sprühen sie Gift über das Lager. Und immer wieder die Verhandlungen. Und dann das Massaker von Santa Elmira mit unzähligen Verletzten, einige durch Schusswunden schwerverletzt. Sie wurden gleich vom Militär weggebracht, um einen Skandal zu vermeiden. (…) Einmal hatten wir schon gepflanzt, da machte der Eigentümer den Vertrag rückgängig. Am Anfang waren wir vierzehnhundert Familien, jetzt sind noch zweihundert hier. Mit der Regierung verhandeln wir über Lebensmittel. Wenn einer hat, haben alle, so ist das bei uns, wir sozialisieren alles!“ Soweit José.

 
 

Auf zehn Millionen Familien wurden die Landlosen 1985 von der Regierung in Brasilien geschätzt, es sind kleine Pächter und Taglöhner, die durch Landkonzentration, industriellen Raubbau oder Staudämme ihre Arbeit verloren haben, Vertriebene, ständig unterwegs auf der Suche nach Land, von dem genug da ist – jedenfalls auf der Landkarte. Fünfzig Prozent des bebaubaren Ackerlandes sind in der Hand von zwei Prozent der Bevölkerung, der alten Grossgrundbesitzer und der neuen Unternehmer und Spekulanten. Die andere Hälfte teilen sich achtundneunzig Prozent der brasilianischen Bevölkerung. (…) Die Sem-Terra-Bewegung ist eines der grossen Hoffnungszeichen in Lateinamerika, weil sie aus apathischen, verängstigten, bildungslosen Abhängigen Menschen macht, die wie José, der junge Campesino im Lager, wissen, was sie mit ihrem Leben wollen. Der Prozess selbst ist eine ausserordentliche Schule mit seinen verschiedenen Stadien: Organisation, Landbesetzung, Vertreibung, Lagerleben, Verhandlungen, gelingende Besetzung, Siedlung, Aufbau. Der erste Schritt ist die Organisation von Tausenden von vereinzelten, sich als rechtlos empfindenden Landlosen. Sie schliessen sich zusammen, lernen ihre Rechte kennen und werden handlungsfähig. Der zweite Schritt, das Leben im Lager, ist vielleicht der schwerste. Da hockt eine Gruppe von oft mehr als tausend Familien in Hütten aus Plastikplanen, in Kälte, Hunger, Krankheiten und Verfolgung durch die Polizei, dazu mit der Unsicherheit über den kommenden Tag. (…)

 

 

Das Ziel der Bewegung ist es, Lebensmittel zu produzieren mit umweltfreundlicher Technologie – also nicht Soja für die europäische Viehhaltung mithilfe eines gewalttätigen Agrobusiness. Ihr Kampf geht nicht gegen die mittleren Eigentümer, sondern gegen die Grossgrundbesitzer, die, wie es in einem Flugblatt heisst, „am wenigsten produzieren, die Erde schlecht behandeln und keine Grundnahrungsmittel für das brasilianische Volk anbauen“. (…) Die Sem-Terra-Bewegung hat eine alte Tradition. Schon Indios flohen vor dem Gemetzel der Weissen in die Berge, schwarze Sklaven entwichen in den Quilombo-Gemeinschaften ins Innere Brasiliens, messianische Bewegungen von Mischlingen und Bauern bauten heilige Stätten. Diese Bewegungen wurden meist blutig zerschlagen. Aber auch im zwanzigsten Jahrhundert wurden die Landverteilungen der sechziger Jahre in den folgenden Jahrzehnten wieder rückgängig gemacht, in ganz Lateinamerika. Die Landsuche geht, kriminalisiert und terrorisiert, weiter.

 

 

Quelle:

Sölle, D. (1992). Gott im Müll. Eine andere Entdeckung Lateinamerikas. München: Deutscher Taschenbuch Verlag – DTV.

Bilder: Douglas Mansur
(tuto)

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