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Menschen sind wir, und Rechte haben wir! (2)

Gespräch mit Fernanda Lavarello, Kinderrechtszentrum Interlagos

 

 

Novo Movimento - NM: Vor gut drei Jahren hast Du, Fernanda, im Kinderrechtszentrum Interlagos zu arbeiten begonnen. Wie beurteilst Du die gemachte Erfahrung?

 

Fernanda Lavarello: Seit dem Abschluss meines Psychologiestudiums suchte ich eine Möglichkeit, den Horizont meiner beruflichen Erfahrungen weit über die Begrenztheit eines Gesprächszimmers zu spannen. Und immer waren mir die Begegnung und die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sehr wichtig. So sammelte ich erste Erfahrungen im Kinderrechtszentrum Paulo Freire, in der Nordzone von São Paulo. Sehr schnell entstand die Beziehung mit dem Kinderrechtszentrum Interlagos, weil die Vernetzung der verschiedenen Organisationen, welche in der Verteidigung der Rechte der Kinder und Jugendlichen aktiv sind, sehr gut funktioniert. Natürlich habe ich mich über die Möglichkeit gefreut, die Koordination des Projektes „Begleitete Freiheit“ im Kinderrechtszentrum Interlagos übernehmen zu können. Ich hatte so die Möglichkeit, mit dem Rückhalt einer starken Equipe an einer den straffällig gewordenen Jugendlichen entsprechenden Arbeitsmethode zu bauen und effektive Alternativen zur Willkür und Gewalt der staatlichen Jugendgefängnissen zu zeigen. Seit einem Jahr arbeite ich in der Geschäftsleitung des Kinderrechtszentrums Interlagos und unsere grösste Herausforderung ist es, wirkliche Veränderungsprozesse ins Rollen zu bringen.

 
 

NM: In diesem Juli hat das Kinderrechtszentrum Interlagos die Kampagne „Menschen sind wir, und Rechte haben wir!“ lanciert. Was ist das Umfeld dieser spezifischen Kampagne?

 

Fernanda Lavarello: Vor gerade 23 Jahren ging in Brasilien die Militärdiktatur zu Ende. 1988 wurde eine neue Verfassung angenommen und erstmals wurden in Brasilien soziale Rechte verfassungsmässig verankert. Ausgehend von der neuen Verfassung wurde 1990 das „Kinder- und Jugendrecht“ (Estatuto da Criança e do Adolescente – ECA) als nationale Gesetzgebung in Kraft gesetzt. Das „Kinder- und Jugendrecht“ reglementiert, was die neue Verfassung vorweggenommen hatte und verwirklicht die Prinzipien der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen. Heute ist Brasilien also ein demokratischer Rechtsstaat mit der entsprechenden Gesetzgebung, doch die Verwirklichung der verankerten Rechte ist noch in weiter Ferne. Und in diesem Juli wird das „Kinder- und Jugendrecht“ gerade achtzehnjährig. Also ist diese spezifische Gesetzgebung volljährig, und trotzdem ist sie in vielen Aspekten immer noch toter Buchstabe. Genau auf diese absurde Distanz zwischen Recht und Wirklichkeit will die Kampagne „Menschen sind wir, und Rechte haben wir“ aufmerksam machen.

 
 

NM: Wie sehen die konkreten Aktivitäten der Kampagne aus?

 

Fernanda Lavarello: Wir haben diese Kampagne langfristig und mit grosser Sorgfalt geplant. Denn einerseits wollen wir, dass die Kinder und Jugendlichen selber ihrer Rechte bewusst werden, dass die Organisationen und Gruppen, welche mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, sich immer stärker vernetzen, und dass andererseits auch die brasilianische Gesellschaft die Garantie der Rechte der Kinder und Jugendlichen als fundamentales Anliegen zu empfinden beginnt.

 
NM: Also eine sehr breite und grosse Herausforderung…
 

Fernanda Lavarello: Allerdings! Deshalb haben wir versucht, durch diese Kampagne eine Sprache zu finden, welche die Beteiligung der Kinder und Jugendlichen mobilisiert und gleichzeitig die brasilianische Gesellschaft sensibilisiert.

 
 

NM: Und wie habt ihr das angepackt?

 

Fernanda Lavarello: Mit den Kindern und Jugendlichen der verschiedenen Projekte des Kinderrechtszentrums Interlagos haben wir die Thematik der gesetzlich verankerten und in der Wirklichkeit nicht gesicherten Rechte der Kinder und Jugendlichen problematisiert. Und in unzähligen Workshops haben wir lebensgrosse Pappfiguren produziert, welche Kinder und Jugendlichen in verschiedenen Situation der schamlosen Verletzung ihrer Rechte zeigen: Kinder auf der Strasse, Jugendliche in illegalem Strafvollzug, häusliche Gewalt, Kinderarbeit usw. Gleichzeitig entstanden in diesen Workshops auch verschiedene, kollektiv formulierte Texte, die klare Aussagen über die Realität der Kinder und Jugendlichen machen und gleichzeitig ihren Anspruch einer anderen, veränderten Zukunft formulieren. Im zweiten Schritt der Kampagne, den wir im Laufe dieses Monates verwirklicht haben, stellten wir die verschiedenen Puppen an strategischen Punkten von São Paulo aus und verteilten gleichzeitig die von den Kindern und Jugendlichen erarbeiteten Texte.

 
 

NM: Wie war das Echo auf diese Aktionen?

 

Fernanda Lavarello: Die Kreativität der Kampagne hat uns unerwartete Türen geöffnet. Das Echo in den verschiedenen Medien war unerwartet gross. Doch noch wichtiger war für uns zu sehen, wie die beteiligten Kinder und Jugendlichen einen sehr tief verankerten Fatalismus überwunden haben und konkret erfahrbar wurde, dass sie etwas tun können. Sicher sind sie Opfer einer riesigen strukturellen Gewalt. Doch diese Tatsache verdammt sie nicht zu ausweglosem Immobilismus. Im Gegenteil: das Verständnis der gelebten und erlittenen Wirklichkeit kann zur Herausforderung werden, den Weg der Veränderung zu wagen.

 
 

NM: Geht mit dem Abschluss der offiziellen Aktivitäten um den achtzehnten Geburtstag des „Kinder- und Jugendrechtes“ auch die Kampagne „Menschen sind wir, und Rechte haben wir“ zu Ende?

 

Fernanda Lavarello: Nein im Gegenteil. Wir haben uns riesig gefreut, dass verstreut in ganz Brasilien verschiedene Organisationen die Kampagne ebenfalls weitergetragen haben. Für das Kinderrechtszentrum Interlagos heisst der Erfolg dieser ersten Erfahrung, dass wir einen neuen Weg gefunden haben, durch einen Prozess der Bewusstseinsbildung mit Kindern und Jugendlichen gleichzeitig eine breite Sensibilisierung der brasilianischen Gesellschaft und der verschiedenen Regierungen zu ermöglichen. Die Kampagne „Menschen sind wir, und Rechte haben wir“ hat also erst richtig begonnen…

 
tuto
Mehr darüber:
Menschen sind wir, und Rechte haben wir! (1)
www.cedecainter.org.br (portugiesisch)
www.sougentetenhodireitos.blogspot.com (portugiesisch)

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