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Jugendliche: nicht DAS Problem, sondern EINE Lösung!

Seit der Gründung des Kinderrechtszentrums Interlagos arbeiten wir intensiv am Aufbau einer sozialpädagogischen Arbeit mit Jugendlichen, die straffällig geworden sind. Für viele sind diese Jugendlichen DAS Problem. Ihnen wird die Schuld an der immer stärker werdenden Welle der Gewalt an den Hals gehängt. Sie seien es, welche die Harmonie des gesellschaftlichen Lebens brechen, Gewalt und Angst verbreiten, oder gar das organisierte Verbrechen als Substrat der brasilianischen Gesellschaft stärken. Wer nur ein klein Wenig hinter die Masken zu schauen wagt, weiss um die Dummheit dieses Geschwätzes. Gerade 0,4% der Jugendlichen stehen in Konflikt mit dem Gesetz: das ist gerade einer unter 250 Jugendlichen...

Für uns sind eben diese Jugendlichen EINE Lösung. Sie brechen die Fatalität des Teufelskreises der Armut und des Elendes, sie geben sich nicht zufrieden mit den Brosamen, welche vom Tisch der wenigen zurückbleiben. Sie schreien, sie wollen wahr und ernst genommen werden, sie suchen Formen des Ausdrucks. Sie wollen mehr als überleben, sie wollen Mensch sein in einer menschlicheren Gesellschaft, die allen einen Platz in Würde und Gerechtigkeit ermöglicht.

Dieser Schrei des Widerstandes ist der Ausgangspunkt der Arbeit des Kinderrechtszentrums. Wir wollen Ort sein, wo sich die Jugendlichen zusammenfinden, Formen suchen, neue Wege zu bahnen. Unsere Aufgabe ist es, mit ihnen unterwegs zu sein...

Darum arbeiten wir seit langem an einer Form der sozialpädagogischen Arbeit, die verwurzelt ist in der gelebten Wirklichkeit der Jugendlichen. Wichtige Züge dieser Art und Weise der sozialpädagogischen Arbeit sind die menschliche Nähe zwischen Begleiteten und Begleitenden, die wirklichkeitsbezogene Nähe zwischen sozialpädagogischer Arbeitsequipe und der Gemeinschaften der Menschen an der Peripherie der Südzone von São Paulo. Die Jugendlichen sind nicht einfach "arme Kerle", für die wir alles tun, sondern sind Menschen mit Rechten und Pflichten, mit Verantwortung und Bewusstsein. Nicht wir sind es, die alles wissen, und dieses Wissen schön zusammengefasst weitergebgen. Das einzige, was wir mit Gewissheit wissen, ist unser Vertrauen in ihr erdrücktes Potential. Ihre Fähigkeiten und Kreativität fordern wir heraus, motivieren wir zum Erwachen und zum Erblühen...

Die gemachten Erfahrungen dieser Arbeit sind äusserst positiv und erfreulich. Darum gibt sich das Kinderrechtszentrum ebenfalls nicht einfach zufrieden mit der getanen Arbeiten und der erfüllten Pflicht. Auch wir wollen mehr. Wir versuchen, diese Erfahrungen zu Schneebällen werden zu lassen, die ins Rollen kommen und langsam grösser werden, die in anderen Zonen von São Paulo, in anderen Quartieren des verstädterten Brasiliens durch den Erfahrungsaustausch mit anderen neue Initiativen ermöglichen. Die vor allem aber auch immer Druck ausüben auf die lokalen Regierungen, Ernst zu machen mit einer sozialen Politik, welche auf die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen eingeht und die absolute Priorität ihrer Rechte wahrnimmt.

In diesem Sinne arbeitete ich während zwei Jahren im Sozialamt der Stadt São Paulo (cf. Projektarbeit als Insel, die zum Kontinent werden will). Zusammen mit der damaligen Direktorin des Sozialamtes, Aldaíza Sposati, arbeitete ich am Aufbau eines stadtübergreifenden Netzes von sozialen Diensten, die zutiefst an den Erfahrungen des Kinderrechtszentrums Interlagos inspiriert waren. Trotz der unzähligen Schwierigkeiten ging die Arbeit überraschend gut voran. Ich verlies das Sozialamt erst, als die Verwirklichung des breit diskutierten Modells in drei Stadtkreisen gesichert war. Finanziert wurde das Ganze durch die Gemeinde São Paulo, den Staat São Paulo und die brasilianische Zentralregierung (Menschenrechtssekretariat). Wenige Monate danach (Januar 2005) wechselte die Regierung in São Paulo. Der "Sozialdemokrat" José Serra, der die Präsidentschaftswahlen gegen Lula verloren hatte, wurde Stadtpräsident. Und sofort blieb der ganze Prozess bei den drei Pilotprojekten stehen. Einmal mehr zeigte sich, dass ein gewichtiges Problem brasilianischer Politik die Kontinuität sozialpolitischer Initiativen ist. Was zählt ist die Regierung von A, B oder C und nicht das staatliche Handeln im Sinne des Gemeinwohl aller.

Im vergangenen Jahr kämpfte das Kinderrechtszentrum Interlagos zusammen mit anderen Organisationen an der Aufrechterhaltung des begonnenen Prozesses. Wenigstens die drei Pilotprojekte konnten erhalten bleiben. Auch das Kinderrechtszentrum Interlagos arbeitete weiter an der Verbesserung der gemachten Arbeit und zählte dabei vor allem auf die Kooperation von Novo Movimento. In allen Verhandlungen versprach das Sozialamt der Stadt immer, im zweiten Regierungsjahr den Prozess erneut weiter zu führen.

Und 2006 hatte kaum begonnen, als das Sozialamt tatsächlich mit dem Versprechen ernst zu machen scheinte. Doch die neue Regierung will nicht weitermachen, wo sie stehen geblieben war. Nein, sie will alles anders machen, damit alles billiger wird, damit Investitionen gekürzt werden können. Der langgemachte Weg der Verbesserung und der Qualifizierung einer spezifischen Sozialpolitik für Jugendliche droht - mit anderen Worten - abrupt unterbrochen zu werden. Noch ist das letzte Wort nicht gefallen. Die Organisationen verbinden sich, das Kinderrechtszentrum organisiert die Empörung gegen das "Immer weniger für immer mehr Menschen" oder das "Immer mehr für eine immer kleiner werdende Elite".

So wird die Arbeit mit straffällig gewordenen Jugendlichen zu einem weiteren Beispiel der neoliberal globalisierten Politik, die immer neue Formen findet, die Mehrheit des Volkes auf "modernisierte" Weise auszubeuten, und die Spirale der Gewalt immer weiter zu drehen...

(tuto)

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