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Kontemplation und Zusammenarbeit mit den Volksbewegungen - Gespräch mit Frei Betto

 

Das folgende Interview ist die ins Deutsche übertragene Version des anfangs März realisierten Gespräches zwischen Frei Betto, Sergio Ferrari und Tuto B. Wehrle. Der Orginaltext wurde diesen Samstag (1.Juni 2006) in der Genfer Zeitung LE COURRIER veröffentlicht. Das veröffentlichte Gespräch finden Sie unter dem folgenden Link:

 

 

Vor wenigen Tagen hast Du Dein neues Buch "Die blaue Fliege - Gedanken über die Macht" veröffentlicht. Warum dieses Buch gerade jetzt? Ist es eine Art Verdauen Deiner zweijährigen Erfahrung der direkten Arbeit in der Dynamik der Regierung Lula?

 

Frei Betto: Ich verstehe mich immer auch als "Erinnerer". Das Schreiben über die Zeit im Gefängnis, veröffentlicht im Buch "Bluttaufe" (dessen Verfilmung im Oktober in den Kinos Brasiliens erscheinen wird) war für mich eine Form der Therapie. Im Be-Schreiben meiner Erfahrungen und Gedanken organisiere ich das Chaos und verringere so meine Verücktheit... In der Zeit von 2003 bis 2004, während der ich in der Regierung Lula tätig war, spürte ich ebenfalls das Bedürfnis, mein Verständnis des Herzens der Macht zu vertiefen. Ich habe die Klassiker der Politik wiedergelesen: Platon, Aristoteles, Maquiavel, Max Weber usw. Im Licht dieser Theorie versuchte ich, die Erfahrung der Arbeiterpartei (Partido dos Trabalhadores - PT) und der brasilianischen Linken an der Macht zu verstehen. Daraus wurde "Die blaue Fliege": das ist auch der Titel eines Gedichtes von Machado de Assis, der die Geschichte eines Dieners erzählt. Dieser wird von der blauen Fliege gestochen und fühlt sich von nun an als Sultan.

Der schreibende Betto
 
Wie siehst Du die Zukunft Brasiliens aus dem Standpunkt der gegenwärtigen Realität? Wir sind mitten in einem Wahljahr, und die Zeichen der Zeit verändern sich in unglaublicher Schnelle. Wie siehst Du die nächsten Wochen und Monate?
 

FB: Ich hoffe auf die Wiederwahl von Lula zum Präsident von Brasilien im Oktober. Würde es von meiner Stimme abhängen, bliebe Lula Präsident von Brasilien. Für mich ist das wichtig, um die eingeschlagene Entwicklung der Demokratisierung Lateinamerikas zu vertiefen. Die Perspektiven der Zukunft richten sich heute am Süden aus. Ich versuche, mich klarer auszudrücken: das Neue an der internationalen Konjunktur ist das lateinamerikanische Volk. Es zeigt, dass es genug hat von den neoliberalen Parolen, von den traditionellen Formen der Politik. Es wählt dem Volk verbundene Kandidaten, die von der Elite schnell und mit grossem Vorurteil als populistisch degradiert werden. Lula, Chávez, Evo Morales usw. sind die Hoffnungen eines freieren, unabhängigeren und gerechteren Lateinamerikas.

 

Können wir die sozialen Bewegungen Brasiliens als die "grossen Verlierer" der Regierung Lula bezeichnen? Wie stellst Du Dich zu dieser Hypothese? Und was muss geschehen, damit die sozialen Bewegungen Brasiliens zu den Gewinnern dieser Periode werden können? Was ist nötig, um der mobilisierenden Kraft der sozialen Bewegungen einen Impuls der Stärkung und des Wachsens zu geben?

 

FB: In den vergangenen drei Jahren der Regierung Lula wurde sehr viel für die Ärmsten gemacht. Ich verweise auf das "Hunger-Null-Programm" und in diesem Programm auf die "Stipendien für Familien" (Bolsa Família): das grösste Programm Lateinamerikas zur Umverteilung des Einkommens. Heute werden durch dieses Programm 8,5 Millionen Familien unterstützt, die vorher im Elend ums Überleben kämpften. Doch immer noch fehlen die im Wahlkampf 2002 versprochenen Reformen: die Landreform, die Reform des Arbeitsrechts, die Steuerreform und eine politische Reform. Ohne diese strukturellen Reformen läuft die Sozialpolitik immer Gefahr, reinen kompensatorischen Charakter zu haben.

In diesen Jahren hat die soziale Bewegung nie den Kanal zur Regierung Lula unterbrochen, obwohl sie immer auf einem kritischen Standpunkt beharrte.

Frei Betto im Gespräch mit Sergio Ferrari

 

Gleichzeitig macht die soziale Bewegung Druck, um den Widerspruch zwischen fortschrittlicher Sozialpolitik und orthodox neoliberaler Wirtschaftspolitik, welche hauptsächlich das spekulative Kapital stärkt, zu lösen. Das Superavit Brasiliens beträgt 4,25% und der Zinsfuss steht bei 16,25%: all das hindert Brasilien am Wachsen.

 

Weltweit haben die sozialen Bewegungen eine enorme Fähigkeit entwickelt, ihre Tätigkeiten und Aktionen auf planetarischer Ebene im Weltsozialforum zu verbinden. Was bedeutet für Dich das Weltsozialforum? Welches sind seine Herausforderungen und Perspektiven?

 

FB: Aus meinem Gesichtspunkt ist das Weltsozialforum die beste Initiative der Linken seit dem Fall der Mauer von Berlin. Das Weltsozialforum ist ökumenisch, vereinigt alle Menschen, Bewegungen und Institutionen, die gemeinsam eine "andere, mögliche Welt" suchen. Ich habe nur Angst, dass aus dem Weltsozialforum eine Zwangsjacke werden kann. Aus meiner Sicht ist es nicht Aufgabe des Weltsozialforums, selber zu einer Organisation zu werden und ein eigenes, geschlossenes Arbeitsprogramm zu haben. Das Weltsozialforum ist Sauerteig für Vorschläge und Initiativen, die durch die Bewegungen verwirklicht werden müssen, welche am Forum beteiligt sind.

 

Weit über das Weltsozialforum hinaus ist heute das Verständnis einer anderen Globalisierung, einer "Alter-Mundialisierung" stark verwurzelt. Welches sind aus Deiner Sicht die Prioritäten, um diese Entwicklung zu stärken und zu vertiefen?

 

FB: Ich glaube, wir müssen mit voller Kraft an einer kulturellen Offensive arbeiten, einerseits durch die Medien, andererseits durch die Mobilisierung der sozialen Bewegungen: den Völkermord durch die Besetzung des Irak entblössen; den vorsätzlichen Verstoss gegen die Menschenrechte in Guantánamo aufdecken; uns wehren gegen die Identifikation des Islams mit dem Terrorismus; uns einsetzen gegen alle Formen des religiösen Fundamentalismus; uns bemühen, Afrika als Priorität der Sorge um die Menschheit zu verstehen; den gegenwärtigen Prozess der Demokratisierung Lateinamerikas aufwerten; den Schutz der Umwelt vertiefen. Das sind einige der wichtigen Anliegen, die ich als prioritär verstehe.

Betto und Tuto an der Organisation einer Konferenz von E-CHANGER

 

Lateinamerika kann heute als "Laboratorium der Utopie" bezeichnet werden. Welches sind aus Deiner Sicht die entscheidenden Herausforderungen, um diese Entwicklung zu stärken?

 

FB: Einerseits die den Interessen des Volkes zugewandten Regierungen unterstützen, damit sie andererseits verbunden bleiben mit den sozialen Bewegungen des Volkes. Nur so kann die Regierungsfähigkeit gesichert werden. Also nicht nur über das Parlament, sondern vor allem durch die Mobilisierung des Volkes.

 

Als Person und als Persönlichkeit mit jetzt grösserer Distanz zur Regierungsdynamik: hast Du noch nie daran gedacht, Dir mehr Ruhe in der Kontemplation und im Gebet zu gönnen? Welches sind Deine persönlichen Prioritäten?

 

FB: Die Kontemplation und das Gebet gehören bereits zu meinem Alltag. Und das ist es, was ich in der mir bleibenden Zeit meines Lebens machen will: beten, schreiben, Konferenzen geben und Volksbewegungen beraten. Das genügt mir, um glücklich zu sein.
(tuto)

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