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Die Gewalt der Militärpolizei: eine bedrückende Herausforderung

 

In der Begleitung von Jugendlichen geht es dem Kinderrechtszentrum immer darum, die engen Grenzen des Gesprächszimmers zu durchbrechen. Eine echte Beziehung zwischen dem Begleiter und dem Begleiteten ist nur dann möglich, wenn das Be-gleiten eben ein Miteinander-Unterwegs-Sein ist. Noch wichtiger als auf ein offenes Ohr zählen zu dürfen, ist die Erfahrung, auf eine stützende Schulter zählen zu können.

 

Das Ziel ist es immer, die Schritte der Begleitung in eine reale Lebens- und Erfahrungssituation einzubetten, die vom Begleiteten ausgewählt und gestaltet werden. Das ist der Hintergrund der verschiedenen kulturellen Workshops, welche den Kindern und Jugendlichen angeboten werden. Sie wählen die ihnen naheliegendste Ausdrucksform aus. Theater, Graffiti usw. werden zu Möglichkeiten, das im Alltag erlittene Diktat der Gewalt und des sozialen Ausschlusses durch ein neues ABC von Formen und Farben zu verstehen und zu überwinden.

 

Der Ausgangspunkt des Graffitiworkshop war diesmal eine alltäglich erlebte Realität der Jugendlichen der Peripherie von São Paulo: die Gewalt der Militärpolizei. Gemeinsam wurde diskutiert, Erfahrungen ausgetauscht und im Hin und Her des Gespräches entstand der Ausdruck des Graffiti. „Was wir malen, erleben wir tagtäglich“, erzählt Rodrigo. „Und was wir malen, wollen wir verändern. Es kann doch nicht immer so weitergehen!“ Und weil das Malen das gemeinsame Bewusstwerden einer erlebten Problemsituation ist, wird das im Graffiti abstrahierte Leben zum Ausgangspunkt, in den Veränderungsprozesse hineingenommen zu werden, Teil zu sein am Suchen von neuen Möglichkeiten, Glied zu sein in der Kette jener, welche die alltäglichen Demütigungen und Erniedrigungen durch die Militärpolizei satt sind.

 

Die Wand wurde langsam farbig. Die Härte der Mauer bekam Tiefe. Linien, Formen und Farben brachten neues Leben auf das leblose Grau: Konsequenz des Hastens und Verkehrens der Grosstadt São Paulo, die wie eine Mühle alles auf den gleichen grauen und monotonen Nenner bringt.

Nach wenigen Stunden Arbeit war das Bild fertig. Alle froh und zufrieden ob dem starken Ausdruck der gemeinsamen Arbeit.

Die Farben waren noch nicht einmal trocken, als vom Kinderrechtszentrum aus schreiende Sirenen der Militärpolizei zu hören waren. Kaum verstummte die eine, brachen neue aus. Was ist wohl jetzt wieder geschehen, fragten wir uns und alle gingen auf die Strasse. Vor dem Kinderrechtszentrum drängten sich anfänglich drei, bald jedoch fünf, sechs Polizeiautos mit ihren alarmierenden Lichtern flackernd und unzählige Polizisten fauchten erbost und voller Revolte über die Geschmacklosigkeit des Graffiti. Bald kamen Coronel und Sargento der Militärpolizei und wollten wissen, wer diese Schmiererei gemacht habe. Das sei unzumutbar, denn das Graffiti zerstöre das öffentliche Ansehen der Militärpolizei. Sie forderten, das Bild zu übermalen, um die Revolte der Militärpolizisten nicht noch stärker zu schühren. Als sie spürten, dass das Kinderrechtszentrum gar nicht eingeängstigt war und keinen Willen zeigte, die Arbeit der Jugendlichen zu übermalen, gingen die Polizisten auf den Hausbesitzer los, der den Jugendlichen mit Freude die Mauer zum Malen überlassen hatte. Dieser wurde weich und bekam Angst. Sofort forderte er das Kinderrechtszentrum auf, seine Mauer wieder „neutral“ zu lassen, um den Konflikt mit der Polizei zu meiden.

 

Um die Jugendlichen vor den verurteilenden Blicken der Militärpolizei nicht bloss zu stellen, nahm ich selber den Pinsel in die Hand und überdeckte die herausfordernde Szene. Er wisse schon, dass solche Situationen vorkommen, meinte der Coronel. Doch ein solches Graffiti helfe nicht, solche ganz und gar vereinzelt vorkommende Übergriffe der Polizeiautorität zu verhindern. Ich erwiderte ihm, dass solche Situation viel öfter vorkommen, als er eingestehen wolle. Und die einzige Form, solche Ungerechtigkeiten zu verhindern, sei der offene und transparente Dialog. Niemals das Einschüchtern, niemals das Vertuschen und Verstecken.

Am gleichen Nachmittag in Diadema – zehn Kilometer von Interlagos entfernt – warf ein Militärpolizist einen Jugendlichen auf den Boden und trampte mit voller Wucht auf seinen Bauch. Der Bruder des Jugendlichen kam ihm zu Hilfe und brachte ihn frei. Beim Weggehen sagte der Bruder dem Militärpolizisten, er werde sein Vorgehen bei der oberen Instanz denunzieren. Kaum war es dunkel geworden, kam der Polizist zurück, sah die beiden Brüder vor ihrem Haus und schoss sie kaltblütig nieder. Die Mutter hörte den Lärm und rann vor die Tür. Sie schrie vor Schmerz, doch ihr Schmerz dauerte nicht lange. Auch sie wurde mit einem Schuss in die Mitte ihrer Stirn getötet. Der Militärpolizist tauchte unter und wird bis heute gesucht...

 

Gerade deshalb hat im Kinderrechtszentrum die Angst nicht gesiegt. Die Mauer hat zwar ihre Farben verloren, doch die Kraft der Aussage lebt weiter. Die Jugendlichen haben die gleiche Botschaft auf ein grosses Plakat gemalt. Und dieses war beim Marsch für die Rechte der Kinder und Jugendlichen natürlich mit uns unterwegs!

(tuto)
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