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Eine Pistole und zehn Gewehre: die Favelas und der brasilianische Rechtsstaat

Da sind sie:
unvorstellbar angeklebt
an die Hügel von Rio de Janeiro
unsichtbar für unachtsame Augen
im Zentrum von São Paulo
allgemeiner, unaufhörlicher, endloser
Stadtteppich am Rand von São Paulo
Grajaú, Cocaia, Parelheiros
auch am Stadtrand von Salvador, Recife...
 
da sind sie:
die Favelas von Brasilien
soziologisch katalogisiert
als „unter-normale“ Wohnbedingungen
(condições sub-normais!)
 
kleine Ecken
grosse Enge
das sind die Favelas:
wo Menschen kämpfen
um ihr Recht zu sein und zu leben
 
das System braucht sie
als billige Arbeitskräfte
Schmiere sind sie im Getriebe
des Kampfes um Macht und Reichtum
doch selber haben sie keinen Platz
Schmiere sind sie
kein Zahnrad
 
namenlose Flecken
sind die Favelas
auf der Karte des Rechtsstaates
wo die Rechte und Pflichten
wo die Gesetze aller
nicht gelten
(alle sind eben nicht alle!)
wo die öffentliche Hand
die blinden Augen des Staates
verdeckt und versteckt
wo der Drogenhandel
seinen eigenen Kodex etabliert
das Gesetz des Schweigens und der Angst
 
anfangs März sind sie runtergekommen
von den Hügeln der Favelas
die Soldaten des Drogenhandels
und überfallen eine Kaserne
der brasilianischen Armee
Waffen brauchen sie
um ihre Herrschaft aufrecht zu halten
um die Unterwerfung der Menschen
unter ihrem Diktat zu festigen
 
deshalb überfallen sie die Kaserne
und erbeuten eine Pistole und zehn Gewehre
Munition für den unerklärten Bürgerkrieg
eine Pistole und zehn Gewehre
nichts im Vergleich
zum florierenden, illegalen Waffenhandel
 
doch eine Pistole und zehn Gewehre sind genug
um die brasilianische Armee zu provozieren
und das Heer besetzt die Favelas
schikaniert die Menschen der Favelas
(denn die Drogenhändler bleiben
immer bestens versteckt)
der Rechtsstaat wird plötzlich
präsent und gegenwärtig
nicht wegen der Bedürfnisse der Menschen
sondern wegen einer Pistole und zehn Gewehren
 
die Zeitungen berichten
von den geheimen Verhandlungen
zwischen der Armee und dem Drogenhandel
die Bedingung:
die Armee verlässt die Favelas
wenn die Waffen übergeben werden
und plötzlich, ohne Erklärung
werden sie gefunden:
eine Pistole und zehn Gewehre
und die Armee zieht sich zurück in die Kaserne
 
erneut wird es ruhig
im „unter-normalen“ Rechtsstaat
die unordentliche Ordnung
ist wieder etabliert
alles bleibt beim alten
status quo
 
und ich bin sicher
dass der Drogenhandel
nicht nur ein lukratives Geschäft ist
er hat auch eine wichtige Funktion
in der Verewigung
der Strukturen des Elendes
in der Zementierung
des fatalistischen Weltbildes
der ausgeschlossenen Mehrheit
im Bremsen und Unterbinden
der Menschen, ihrer Gruppen
Gemeinden an der Basis, Volksbewegungen
die sich einsetzen für die Rechte aller
damit die Rechte aller
eben Rechte werden aller Menschen
alle gleich in ihrer Würde
als Menschen
 
ich träume von einem Heer
das bevölkert die Favelas
kein Heer aus den Kasernen
keine Armee
ich träume von einem Heer
deren Soldaten Lehrer sind
Ärzte
Sozialarbeiter
die Garantie
der Gegenwart des Rechtsstaates
die Glaubwürdigkeit der Demokratie
die Verbindlichkeit der Menschenrechte
 
wenn ich ausruhe
(Die obigen Bilder
träume ich diesen Traum
sind weder aus Bagdad
und wenn ich arbeite
noch aus Palestina
arbeite ich an diesem Traum
und ebenfalls nicht von Haiti.
an der Sicherung der Würde
Die obigen Bilder
allen Seins
sind aus Rio de Janeiro, Brasilien!)

(tuto)

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Ciao