line
line
 
line

erste Seite

wer sind wir

unsere Organisation

Kinderrechtszentrum Interlagos

Landlosenbewegung

Infos

poetische Ecke

schreiben Sie uns!

 
Beat Wehrle informiert aus Brasilien über seine Beratungstätikeit im Sozialamt der Stadt São Paulo. São Paulo im August 2004
 

Projektarbeit als Insel, die zum Kontinent werden will!

Jede Arbeit in einem Projekt gleicht am Anfang immer einer Insel. Ein kleiner Fleck in einem unermesslichen Meer von Bedürfnissen und Herausforderungen. Mitten in den immer gleich schlagenden Wellen des Alltages, wo kaum mehr jemand glaubt, dass etwas anderes möglich sein kann, als das unaufhaltbare Auf und Ab des tobenden Wassers. Ein Projekt ist eine Insel. Ein Versuch, die Routine des Fatalismus zu brechen, die Mechanik einer scheinbar determinierten Welt in Frage zu stellen. Wir stehen dort, wo wir stehen, weil die gemachten Schritte uns genau zu diesem Punkt gebracht haben. Und wenn wir soweit gekommen sind, dann können wir auch weitere Schritte wagen. Alles was ist, ist nur deshalb, weil es geworden ist in der Zeit und in der Geschichte. Und wenn es geworden ist, dann kann es auch wieder anders werden. Das Sein ist Werden, und Werden ist Verändern. Die Essenz eines Projektes ist es also, sich mit dem gelebten und oft erlittenen Ist-Zustand nicht zufrieden zu geben, mehr zu wollen, mehr zu sein, menschlicher zu werden.

Die im Kinderrechtszentrum von Interlagos aufgebaute Projektarbeit ist auch eine kleine Insel, ein winziger Fleck Boden in einem brausenden Meer. Oder umgekehrt gesagt: ein Tropfen auf dem heissen Stein. Ein solches Inselsein zu wagen, ist ein erster, guter und wichtiger Schritt. Es ist ein Schrei, der die erdrückende Stille beendet. Eine Hoffnung, die aufbricht wie ein Samen trotz aller Dunkelheit. Es ist der Mut, neue Worte zu wagen, wo viele meinen, das letzte Wort sei bereits gesprochen. Es ist die Herausforderung, verwirrende Zusammenhänge zu durchschauen, die Ursachen der Wirklichkeit zu ertasten, um neue Wirkungen zu proben. Unser Anfang ist: wo Tausende von jugendlichen leichte Opfer des Drogenhandels und des organisierten Verbrechens sind, finden wenige Hunderte die Möglichkeit, an einem anderen Leben mit Sinn und Richtung zu bauen. Wo Tausende von Familien am Elend zerbrechen, finden wenige Hunderte Begleitung und Orientierung. Wie gesagt: eine Insel also. Eine Insel, die neue Wege zeigt, die Meere durchbricht, die Mut macht, den Exodus zu wagen.

Insel zu sein, ist richtig und wichtig. Immer jedoch nur Insel bleiben zu wollen, ist Flucht und Isolation. Denn gerade weil Projekte Versuche sind, neue Schritte zu wagen, dürfen jene, die neue Wege finden, diese nicht als ihr Privateigentum für sich behalten. Wenn Inseln im Meer wie Tropfen sind auf heissem Stein, dann müssen sie sich verbinden, sich im Austausch bereichern, sich verknüpfen, zum Netz werden. Gerade damit sie den herausfordern können, der das Wohl aller pflegen soll: der Staat. Die Aufgabe eines Projektes ist es nie, den abwesenden Staat zu ersetzen, sondern Laboratorium zu sein für Möglichkeiten, die in breiter Form - nicht als Insel, sondern als Kontinente - nur vom Staat als Sozialpolitik verwirklicht werden können.

Die Aufgabe eines Projektes ist es nie, den abwesenden Staat zu ersetzen

Der Sprung vom Projekt zur öffentlichen Sozialpolitik ist natürlich riesig und die Gelegenheiten, einen solchen Sprung zu wagen, eher selten. Darum hat das Kinderrechtszentrum von Interlagos die Möglichkeit beim "Schopf gepackt", ausgehend von den gemachten Erfahrungen der Arbeit mit Jugendlichen in persönlicher und sozialer Not, im Sozialamt der Stadt São Paulo am Aufbau einer spezifischen Sozialpolitik zu arbeiten. So bin ich seit Februar 2003 als direkter Berater der Vorsteherin des Sozialamtes der Stadt São Paulo tätig. Meine Aufgabe ist der Aufbau eines Modells, welches die lokal gemachten Erfahrungen den Jugendlichen der gesamten Stadt zugänglich machen soll. Der erste Schritt war die Verwirklichung von unzähligen Studien und Seminaren, partizipative Arbeit mit Organisationen, Volksbewegungen, Gruppen und staatlichen Institutionen. Der zweite Schritt sind die schwierigen und langwierigen Verhandlungen zwischen Gemeinden, Bundesstaat und Nationalregierung, um die nötige Finanzierung des erarbeiteten Modells zu sichern.

Ich selber habe mir zeitlich eine klare Frist gesetzt. Am 31. Oktober werde ich meine Beraterfunktion nach zwanzig intensiven Monaten wieder abgeben. Ich will nicht einfach zum Beamten werden, sondern weiter an immer neuen Inseln arbeiten. Ich bin froh und zufrieden, trotz aller Ermüdung mitten in einem bürokratischen Apparat, der sich nur schwer und langsam mit neuen Herausforderungen identifiziert, und am liebsten sich doch nur im eigenen Kreise drehen würde. Trotz dieser strukturellen Schwierigkeiten ist doch viel möglich geworden. Schritt eins ist abgeschlossen und bei Schritt zwei wurden ebenfalls erste Verträge mit Bundesstaat und Nationalregierung verhandelt und unterzeichnet . Was noch vor wenigen Monaten scheinbar nur theoretisches Modell schien, beginnt in drei Regionen der Stadt Wirklichkeit zu werden.

Der Ball ist ins rollen gekommen, die Insel wächst. Bis sie zum Kontinent wird, braucht es noch weiter Druck und Mobilisation der Organisationen und Volksbewegungen. In ihrem Dienst steht meine Arbeit: mitten unter Menschen, die ihr Leben als Unterwegssein verstehen, bin ich zu Hause. Mit ihnen bleibe ich auf dem Weg und gemeinsam wagen wir weitere Schritte. Auf dass das Leben auf entstehenden Kontinenten immer menschlicher werden kann! (tuto)

Zurück zu "Jugendliche: nicht DAS Problem, sondern EINE Lösung!"

zurück zu 'Kinderrechtszentrum Interlagos'

 
Ciao