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Wunder sind möglich - Fragen an Leonardo Boff

Wie ein Riesenland wie Brasilien reformieren?
Wie den neuen Papst beurteilen?
Und was ist die Zukunft des Glaubens und der Religion?

VON GERHARD DILGER
PUBUK-FORUM: 10/2005

Beat Wehrle, Leonardo Boff und Frei Betto an einer Vorbereitungsveranstaltung [organisiert durch E-CHANGER (www.e-changer.ch) und die Arbeitsgemeinschaft der Hilfswerke (www.alliancesud.ch)] des Weltsozialforums 2005 in Porto Alegre.

Publik-Forum: Herr Boff vor zwei Jahren wurde Präsident Lula auf dem Weltsozialforum von Porto Alegre umjubelt. Nun ist er im Januar an gleicher Stelle ausgepfiffen worden, wenn auch von einer Minderheit. Ist der Traum von einem »anderen Brasilien« schon ausgeträumt?

Leonardo Boff: Lula versucht einen Übergang von einem Staat, der sich für Privatisierung, den Neoliberalismus, den Weltmarkt ent­schieden hat, in die Richtung eines Sozial­staates, einer anderen Politik für das Volk. In jedem Übergang gibt es Kontinuität und Neues. Die Kontinuität ist die Beibehaltung der makroökonomischen Politik, die alte neoliberale Politik. Das Neue liegt im Null-Hunger-Programm und den dazugehörigen sozialen Initiativen. Die Frage ist, welcher dieser Pole vorherrscht. Lula muss sich entscheiden. Wir müssen ihn unter Druck setzen, damit er sich treu bleibt. 2005 ist ent­scheidend für die Frage, ob es ihm gelingt, tatsächlich etwas Neues in der brasilia­nischen Geschichte einzuführen, oder ob er an der alten Politik für die Eliten festhält.

Publik-Forum: Macht er den Leuten nichts vor, wenn er eine andere Sozialpolitik verspricht, jedoch an einer Wirtschaftspolitik festhält, die auf immer mehr Ungleichheit hinausläuft?

Leonardo Boff: Man darf nicht resignieren. Die Mehr­heit der Menschheit ist nicht dazu ver­dammt, ausgeschlossen zu bleiben. Das ist nicht nur eine politische und wirtschaftliche Frage, sondern eine ethische. Die Wirtschaft und die Politik müssen sich an ethischen Kriterien orientieren. In diesem Sinne ist Lulas Politik sehr bedeutungsvoll. Er kann nicht einfach den Sozialismus übernehmen, er würde sich total isolieren. Er kann und will auch nicht den Neoliberalismus überneh­men, das wäre nichts Neues. Er versucht. ei­nen Mittelweg zu finden. Meines Erachtens spielt Lula mit neuen Werten. Er versucht in die Weltpolitik die Frage des Hungers einzuführen, der interna­tionalen sozialen Gerechtigkeit. In den gro­ßen Konzernen, dem Internationalen Wäh­rungsfonds und der Weltbank spürt man auch, dass unser jetziger Weg zu einer gro­ßen Krise führt - nicht nur für die Armen, sondern für das ganze Weltsystem. Die Ungleichheit, die Unmenschlichkeit, die Barbarei sind eine Schande. Wir haben alle technischen, politischen, wirtschaftli­chen und finanziellen Mittel, um diese Not zu überwinden. Wir tun es nicht, weil die Weltpolitiküberhaupt keine Sensibilität mehr hat für Menschlichkeit, Kooperation und Solidarität. Alle wollen die unendliche Akkumulation. Die Frage ist, ob die Erde und die Menschen das vertragen. Das sind Grundfragen, die vorpolitisch und zugleich höchst politisch sind, denn sie lenken gewisse Entscheidungen. Ich glaube, Lula hat das moralische Gewicht, in der Weltpolitik sol­che Fragen zu stellen.

Publik-Forum:

2001 ist das Weltsozialforum als Kontrapunkt zum Weltwirtschaftsforum in Davos entstanden. Wenn wir uns heute die Welt ansehen: Hat Davos nicht klar die Oberhand über Porto Alegre behalten?

Leonardo Boff: Die Frage ist doch, wo liegt die Hoff­nung? Alle spüren, dass wir auf einem Irr­weg sind, weil wir überhaupt keinen Sozial­vertrag mehr haben. Das führt nur zu Krie­gen wie im Irak. Es gibt nur die militärische, wirtschaftliche und ideologische Hegemonie der USA, die mit Gewalt aufrechterhalten wird. Es ist ein sehr gefährlicher Weg, als Mittel zu irgendeiner Art von Weltordnung auf Gewalt zu setzen. Das System kann sich nicht mehr mit Argumenten durchsetzen. Bush hat den unendlichen Krieg gegen den Terror erklärt. Für mich bedeutet das: Die USA sind ein terroristischer Staat. Sie agie­ren gewalttätig, verletzen die Menschen­rechte, foltern US- Bürger und Ausländer.

Für niemanden ist klar, was die Alternati­ven sind. Doch hier in Porto Alegre entsteht allmählich eine Welt-Zivilgesellschaft mit dem Bewusstsein, dass wir nicht zufrieden sind mit der Lage der Welt, dass wir uns wer­den ändern müssen, angefangen bei den Personen bis hin zu den Gemeinschaften. Die Vernetzung von allen möglichen Bewe­gungen führt zu einer Art Akkumulation von Energie, von Utopie. Allmählich kommen wir zu Konvergenzen, die politischen Druck be­deuten können.

Publik-Forum: Ja, aber was kommt konkret da­bei heraus?

Leonardo Boff: Wir stehen an einem Scheideweg. Der Menschheit droht eine unwiderrufliche Spaltung. Für eine Minderheit von rund 1,6 Milliarden Menschen ist der Kapitalismus gut. Die anderen 4,4 Milliarden sind margi­nalisiert, ausgeschlossen. Sie werden nicht als nur als anders angesehen, ihnen wird die Menschlichkeit abgesprochen. Zwischen Nord und Süd wird eine große Mauer gegen die Armen der Welt errichtet.

In der westlichen Kultur, die heute globali­siert ist war die Gleichheit nie ein hoher po­litischer Wert, eher eine Utopie, die im Be­reich der Religion geblieben ist ohne politi­sche Konsequenzen. Dagegen müssen wir kämpfen, um die Menschheit zusammen­zuhalten. Solche Reflexionen und Utopien wie in Porto Alegre sind der Humus, in dem die Dinge gären, und vielleicht entstehen da­raus Massnahmen, die eine Richtung für die Zukunft weisen. In Davos geht es um mate­rielle Werte, hier geht es um spirituelle, menschliche, ethische Werte. Ideal wäre, wenn beide zusammenkämen, dann könnten wir eine ganzheitliche Vision der Mensch­heit erarbeiten.

Publik-Forum: Vor dem Weltsozialforum haben Sie am »Weltforum für Theologie und Befrei­ung« teilgenommen. Erleben wir eine Renais­sance der Befreiungstheologie?

Leonardo Boff: Die Befreiungstheologie war immer da, jedoch zuletzt nicht mehr so sichtbar, weil sie nicht mehr so polemisch ist wie früher. Jetzt haben wir wieder die große Vernetzung der Theologen, die von Rom aus völlig zerstört worden war. Das Umfeld des Weltsozialfo­rums, ein nichtkirchlicher Raum, war ideal, um uns wieder zu treffen, ohne irgendwelche Unterdrückung von Rom oder anderswoher. Ausserdem haben wir Befreiungstheologen bereits in den 1970er Jahren von der Notwen­digkeit einer anderen Gesellschaft, einer an­deren Weltordnung gesprochen. Es gibt eine Verwandtschaft zwischen der Befreiungs­theologie und dem Weltsozialforum.

Publik-Forum: Was erwarten Sie vom neuen Papst?

Leonardo Boff: Ich hoffe, dass sich Benedikt XVI. von Kardinal Joseph Ratzinger unterscheiden wird, vor allem von jenem, der Dominus Jesus verfasst hat. Da ich an Wunder glaube und weiss, dass das menschliche Wesen voller überraschender Möglichkeiten steckt, hoffe ich, dass der neue Papst in der Kirche eine neue Ära einläuten wird. Dieses Projekt darf kein restauratives mehr sein. Nötig ist ein in­novatives, eines, das die Agenda des Zweiten Vatikanischen Konzils weiterführt. Wenn der neue Papst den Schrei der Armen auf der ganzen Welt und den schmerzerfüllten Schrei der verwüsteten Erde nicht hört, dann hilft es meines Erachtens auch nichts, wenn er die Verwaltung der Kirche modernisiert und die Partizipationsmöglichkeiten für die Laien oder die Frauen erweitert. Er würde sich weit weg vom Erbe Jesu befinden, der ja den Armen einen zentralen Platz einge­räumt hat. Nach Paulus' Brief an die Galater (Kapitel 2, Vers 10) gehört die Sorge für die Armen zum Kern der wahren Evangelisie­rung. Für mich steht und fällt die Kirche da­mit, ob sie sich um die Armen und Aus­geschlossenen kümmert, die die grosse Mehr­heit der leidenden Menschheit bilden. Ich hoffe, Benedikt XVI. erkennt diese für die Glaubwürdigkeit und die Mission der Kirche in der heutigen Welt fundamentale Frage.

Publik-Forum: Der Vatikan hat Sie ausgegrenzt, später haben Sie Ihr Priesteramt aufgegeben. Fühlen Sie sich in der Kirche manchmal unver­standen oder einsam?

Leonardo Boff: Nein. Rom hätte es sicher gerne gese­hen, wenn ich Coca-Cola-Manager in Rio ge­worden wäre. Aber ich hatte ja die Möglich­keit, weiter als Theologe zu arbeiten. Dabei wurde ich von den meisten Bischöfen unterstützt, eingeladen zu Vorträgen, Kursen und sogar zu Exerzitien für Priester und Nonnen. Ich habe mich nicht grundsätzlich geändert oder eine Opferhaltung entwickelt, und ich empfinde auch keine Rachegefühle oder Enttäuschung. Das autoritäre System Kirche ist dazu verdammt, andere zu verdammen. Das gehört zu seiner Logik. Wenn man das verstanden hat, fühlt man sich befreit und sagt zugleich: Schade, dass so mit dem Erbe von Jesus Christus umgegangen wird.

Publik-Forum: Haben Sie nicht damals dem Vati­kan seine konservative Offensive erleichtert?

Leonardo Boff: Nein. Den großen Fehler hat Rom began­gen, weil es um die Armen der Welt geht und nicht um Theologie. Rom hat die Freunde der Armen, die Theologen und Bischöfe, verfolgt, die gerade diese vorrangige Option für die Ar­men ergriffen hatten. Rom hat diese ganze Sache spiritualisiert, um die Auseinanderset­zung zu vermeiden. Und zugleich hat Rom die ganze Kirche, besonders die Laien, gegängelt und infantilisiert. Sie reden von Armen im Geiste, sie reden von Sex und Sünde, aber nicht von der sozialen, strukturellen Sünde der Ungerechtigkeit, der ökologischen Frage, die gerade so wichtig ist.

Es gibt eine innere Emigration in der Kir­che. Und die konservativen Gruppen wie Opus Dei und andere sind die Achse dieses neuen Modells von Kirche. Das sind Leute, die nicht viel zu sagen haben angesichts der gro­ßen Weltprobleme. Wir hingegen haben trotz der Unterdrückung und Verfolgung die Hege­monie im theologischen Diskurs bewahrt. Wir haben etwas zu sagen zur Weltwirtschaft, zur Globalisierung, zur Situation der Armen.

Publik-Forum: Wie entwickelte sich die Befrei­ungstheologie in den letzten 30 Jahren weiter?

Leonardo Boff: Die Befreiungstheologie entstand aus­gehend von der konkreten ökonomischen Not, vom Schrei der Armen. In den 1980er Jahren entdeckten wir die verschiedenen Gesichter der Armut, die der Indianer, der Schwarzen, der Frauen. In den 90er Jahren spürte man, dass nicht nur die Armen schreien, sondern auch das Wasser, die Wäl­der, die Tiere. Die Erde wird durch die Ver­wüstung unterdrückt, die die moderne Industriegesellschaft und der Konsumismus mit sich bringen. In eine ganzheitliche Theologie muss man also auch die Ökologie mit einschliessen. Zugleich ist die Globali­sierungsproblematik hinzugekommen, die globale Ausgrenzung von Menschen, die Genmanipulation in der Landwirtschaft. das alles sind Fragen, die jetzt diskutiert werden.

Publik-Forum: Welche Auswirkungen hat das?

Leonardo Boff: Wir haben zum Beispiel in Brasilien be­reits ein neues Modell von Kirche. ein ge­meinschaftliches, nicht so hierarchisches Modell: die 100’000 Basisgemeinden. Die dritte Generation von Befreiungstheologen treibt die Theologie nicht so wie wir Alten. Die stecken viel mehr in der Sozialpastoral. Sie arbeiten mit den Landlosen, Kindern, Schwarzen, Indianern... In dieser pastoralen Praxis lebt, entwickelt und entfaltet sich die Befreiungstheologie ständig weiter.

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