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Sergio Ferrari ist Journalist aus Argentinien. Während der argentinischen Militärdiktatur kam er in die Schweiz ins Exil. Während zehn Jahren war er E-CHANGER-Freiwilliger in Nicaragua. Heute arbeitet er als freier Journalist, ist verantwortlich für den Pressedienst von E-CHANGER und ein permanenter Motivierer der Solidaritätsbewegungen zwischen Lateinamerika und Europa.

Lateinamerika auf der Suche nach Alternativen

Die sozialen Bewegungen: aktiv im Widerstand, aber auch in der Produktion

Lateinamerika erlebt einen historischen Moment. Rund 280 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner – von insgesamt 513 Millionen – leben heute in Ländern mit revolutionären, fortschrittlichen oder “offenen” Regierungen. Gleichzeitig geben die sozialen Bewegungen der Wirtschaft kreative Impulse. Auf diesem dynamischen Kontinent entsteht die Suche nach Alternativen an der Basis.

DIE NEUEN SOZIALEN AKTEURE

Die sozialen Organisationen in Lateinamerika, alte und neue, ihre Vorschlägen und Impulse, sind vielfäl­tig: Sie reichen von den stets innovativen Zapatisten im mexikanischen Chiapas über die brasilianische Landlosenbewegung MST – die vielleicht strukturierteste Bewegung überhaupt und eine der wichtigsten Referenzpunkte für die lateinamerikanischen Sozialbewegungen - bis hin zur Bewegung der “Piqueteros” (Arbeitslose, die ihre Anliegen v.a. durch Strassensperren durchsetzen) in Argentinien. Nicht vergessen werden dürfen auch die Organisationen der indigenen Völker in Ecuador und Bolivien, wo sie sich mit den Kokabauern zusammengetan haben; die aufstrebenden Jugendbewegungen in Ländern wie Paraguay; sowie die sozialen Aufstände gegen Privatisierungen in verschiedenen Ländern des Kontinents, um einige Beispiele zu nennen. Es sind soziale Bewegungen, die mit unterschiedlichem Grad an Strukturierung und Durchschlagskraft innovative soziale Praktiken entwickeln; die jeden Tag politische Definitionen erfinden; die ihre Strategien neu definieren (wie der Zapatismus mit seiner kürzlich erstellten 6. Deklaration von Lacandona); sich kritisch gegenüber den Regierungen verhalten (auch gegenüber den fortschrittlichen), und die in den meisten Fällen gegenüber den Regierungen, Staaten und politischen Parteien Anspruch auf ihre Autonomie erheben. Gemeinsam ist diesen sozialen Akteuren, dass sie aufzeigen, dass die repräsentative Demokratie klare Grenzen hat, und dass die aktuell vorherrschende wirtschaftliche Logik - das neoliberale Modell – es nicht schafft, die minimalen Grundbedürfnisse der Menschen zu befriedigen und der Bevölkerung würdige Lebensbedingungen zu garantieren. All diese Bewegungen widersetzen sich dem neoliberalen Modell und bekämpfen es auf die ihnen entsprechende Art und Weise. In vielen Fällen geben sie Impulse für neue, ganz unterschiedliche Produktionsformen, auf kleiner, mittlerer und grosser Ebene, sie entwickeln so erste Ansätze zu alternativen Wirtschaftsformen. Die sozialen Bewegungen haben verstanden, dass sie sich auch als Produktionskräfte konsolidieren müssen.

EINE WIRTSCHAFT FÜR DAS VOLK

Die Keramikfabrik FaSinPat (Fábrica sin patrón – Fabrik ohne Besitzer), ehemals Zanón, befindet sich in Neuquén im Süden Argentiniens und wird seit 2001 von den ArbeiterInnen verwaltet. Der damalige Besitzer, Luis Zanón, hatte in jenem Jahr versucht, die Produktionsquelle zu schliessen, von der 380 ArbeiterInnen lebten. 270 entschieden sich, weiter zu produzieren, und verhinderten die Schliessung. Heute ist die Zahl der Arbeiter auf 450 gestiegen, und die Produktion konnte von 15´000 auf 300´000 Meter Keramik pro Monat gesteigert werden. Die Arbeitsbedingungen und die Sicherheit wurden ebenfalls massiv verbessert. Während bis 2001 300 Unfälle pro Jahr gezählt wurden - die Hälfte davon schwer und mindestens einer tödlich -, sank die Zahl seither auf 33 leichte Unfälle pro Jahr. Heute gibt es in Argentinien eine Nationale Bewegung von Fabriken, die von ArbeiterInnen übernommen wurden. Die Bewegung wurde Ende der 90-er Jahre ins Leben gerufen und vereint bereits 80 Firmen, die von ihren BesitzerInnen in den Bankrott getrieben und aufgegeben worden waren. Ausserdem verwalten viele Piqueteros-Organisationen einen Teil der monatlichen Unterstützung, welche alle Arbeitslosen individuell von der Regierung erhalten, um kollektive Mikrounternehmen zu gründen. Tausende von Kilometern trennen die beiden Länder Argentinien und Mexiko, und die Lebensweisen sind unterschiedlich. Doch eint sie der gleiche Einsatz für die Suche nach Alternativen. Dies beweisen die von den Zapatisten gegründeten “Juntas de Buen Gobierno” (“Versammlungen der guten Regierung”) in Chiapas, in welchen die autonomen Gemeinden und Städte vertreten sind. Die Juntas wollen eine bessere wirtschaftliche Subsistenz erzielen, indem in den Gemeinden selbst produziert und auch konsumiert wird. Haupttätigkeit ist der kollektive Anbau von Bohnen, Mais und Kaffee. In einigen Fällen ist die Ernte sogar für den Export vorgesehen. Da sich die Bauern bewusst wurden, dass die chemischen Düngemittel ihr Land auslaugten, fördern sie heute den Gebrauch von organischem Dünger. Verschiedene Produktionsprojekte sind am Laufen, wie zum Beispiel Kooperativen für den Kaffee-Export, Schuhmacher-Werkstätten, Handwerks-Kooperativen, Läden für Nahrung, Kaffee und Honig. In einigen Gebieten verfügen die Kooperativen über Lastwagen für den öffentlichen Transport und die Vermarktung der Produkte in anderen Regionen. Auf diese Weise werden die horrenden Kosten für Zwischenhändler gespart. In der zweiten Septemberwoche fand in Maceió, im brasilianischen Bundesstaat Alagoas, der 6. Markt der Landreform statt. In weniger als zwei Tagen wurden 200 Tonnen Produkte vermarktet, zu Preisen, welche um die Hälfte billiger waren als diejenigen des Supermarktes. Am Markt, der von der Landlosenbewegung (MST) organisiert wurde, nahmen die Zentrale der Volksbewegungen, die Gewerkschaft CUT und die Landpastorale der Bischofskonferenz teil. Der Anlass, der bereits in anderen Bundesstaaten und Gemeinden stattgefunden hatte, dürfte künftig monatlich durchgeführt werden. Bereits eingebürgert hat sich die landwirtschaftliche Produktion in vielen Ansiedlungen des MST. Dort wird auf der Basis von Kooperativen produziert. In einigen Regionen existieren bereits richtige MST-Supermärkte, welche Gebiete über die Grenzen der MST-Siedlung hinaus versorgen. Die Gewinne werden solidarisch unter den ArbeiterInnen verteilt, auch in den Camps von Landlosen, die noch kein Land erhalten haben. In den entwickelteren Produktionseinheiten arbeiten Bäuerinnen und Bauern im Turnus, welche auf vorübergehend besetzten Gebieten wohnen und noch kein Land erhalten haben. Auf diese Weise entsteht ein solides Produktionsorganigramm, welches stets begleitet wird durch politische Ausbildung, kulturelle Identitätsbildung und Ausbildung in Primar-, Sekundarschulen und manchmal sogar Universitäten für die Campierenden und Angesiedelten. Die neue Logik der solidarischen Ökonomie, für die es auf dem südamerikanischen Kontinent zahlreiche Beispiele gibt, und der Kampf für Ernährungssouveränität, welcher durch internationale Netzwerke wie die Via Campesina unterstützt wird, stellen alternative Konzepte mit Gewicht dar. Sie gehen über den blossen ideologischen Rahmen hinaus und konkretisieren sich in alltäglichen Realitäten, welche beweisen, dass sich die sozialen Bewegungen auch als produktive Kräfte behaupten können.

GEMÜSEGÄRTEN IN DER HAUPTSTADT

In der venezoelanischen Hauptstadt Caracas stellen die kollektiven Gemüsegärten einen ersten Schritt dar, um dem Trend, Nahrungsmittel zu importieren, entgegenzuwirken. 70 % der konsumierten Nahrungsmittel werden in diesem Land importiert. Über 4000 neue kleine Gemüsegärten entstanden in den letzten Monaten in der Hauptstadt, mit der Unterstützung der Regierung und der Welternährungsorganisation FAO. Sie werden in den Quartieren, auf kleinen Terrassen und Dachterrassen angelegt. Die 20 grössten sind in Form von städtischen Kooperativen organisiert und produzieren und verkaufen bereits Tonnen von frischen Gemüsen. Die Grösse der Parzellen beträgt et-wa eine halbe Hektare. Oft sind die Gärten von Büros umgeben und befinden sich in Finanz- und Handelsquartieren der Haupstadt. Ein Grossteil der Bevölkerung des Kontintens leidet heute, weil er vom System ausgeschlossen wird. Daher überrascht es nicht, dass die sozialen Bewegungen eine neue Logik anwenden möchten, seien diese städtisch, vom Land, indigen oder aus ArbeiterInnen bestehend. Es ist fast unvorstellbar, heute Bewegungen zu finden, die nur politische Forderungen stellen. Es wird immer offensichtlicher, dass der Widerstand sich paart mit der Fähigkeit, sich für die Produktion zu organisieren. Auf diese Weise zeigen die Bewegungen, dass sie sich nicht nur als Akteure des Widerstands behaupten, sondern auch als Föderer einen alternativen Wirtschaft.

Übersetzung: Corinne Dobler Mitarbeit E-CHANGER/ UNITE

Ein geopolitisch interessanter Moment

Zu Beginn des neuen Jahrtausends durchlebt Lateinamerika einen geopolitisch besonderen Moment, was die institutionelle Macht betrifft. Mehrere progressive Regierungen sind an der Macht. Und obwohl sie verletzlich sind und verschiedenste Widersprüche in sich vereinen, distanzieren sie sich von der Regierung Bush und sprechen von einer eigenständigen regionalen Integration. Sie prägen damit die politische Landkarte des Kontinents. Vielleicht ist der Augenblick noch bedeutender als die Zeit zu Beginn der 70-er mit der Revolution in Kuba und den progressiven Regierungen in Chile (Salvador Allende bis September 1973); Argentinien (das kurze demokratische Zwischenspiel mit Hector J. Cámpora 1973); Panama unter Torrijos und Peru, wo die progressive Phase unter der Militärregierung von General Juan Velasco Alvarado bis 1975 dauerte. Heute durchlebt neben Kuba auch Venezuela einen bedeutenden Wandlungsprozess mit seiner bolivarianischen Revolution. Eine Serie weiterer Regierungen sind progressiv-offen, in Brasilien, Argentinien, Uruguay und Chile. Weiter hat die Bewegung MAS (Movimiento al socialismo) von Evo Morales in Bolivien gute Chancen, die vorgezogenenen Wahlen im Dezember 2005 zu gewinnen. Andrés Manuel López Obrador, ein Mitte-Links-Kandidat, könnte die Präsidentschaft von Mexiko mit seinen 104 Millionen EinwohnerInnen im Juli 2006 erringen, obwohl ihn ein Teil der aztekischen Bevölkerung, die dem Zapatismus nahesteht, wegen Systemkontinuität kritisiert. Die Lage in Lateinamerika kann demnach als eher positiv bezeichnet werden, auch wenn sie nicht linear ist und die ernsten Probleme in einigen Regierungen nicht zu verbergen vermag. Die offensichtlichsten Probleme hat derzeit die Arbeiterpartei von Präsident Lula in Brasilien, die geschwächt wurde durch Korruptionsfälle, in die einige wichtge Mitarbeitende des Präsidenten verwickelt sind. Hier machen sich die Bedingungen, welche dem Land durch die internationalen Finanzorganismen auferlegt worden sind, bemerkbar. Es ist ein schweres Erbe. 10% der Bevölkerung des Kontinents, oder 52.5 Millionen Personen, leiden unter Unterernährung. Gemäss der FAO, welche soeben einen Bericht zum Thema herausgeben hat, hat sich die Zahl der Armen seit 1960 von 110 auf 226 Millionen verdoppelt, was 44% der gesamten Bevölkerung entspricht. Lateinamerika ist eines der wirtschaftlich polarisiertesten Gebiete der Welt: 10% der Reichsten verfügen über 40% der Einnahmen. Trotz allem: zum ersten Mal seit Jahren ist der Einfluss der USA in Lateinamerika teilweise geschwächt worden. Ein bedeutende Tatsache, wenn die enorme Militäroffensive in Betracht gezogen wird, die Washington in den letzten vier Jahren, seit dem 11. September 2001, weltweit gestartet hat. (Sergio Ferrari)

Sergio Ferrari mit Beat Tuto Wehrle am Weltsozialforum in Porto Alegre, 2005 (tuto)

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