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Mitten im Kreuzfeuer: das Kinderrechtszentrum zwischen der Blindheit des Staates und der Brutalität des Drogenhandels

Sicher erinnert Ihr Euch an die Schlagzeilen in den Medien, die seit Mai über die Wellen der Gewalt in São Paulo berichtet haben: "Mafiaterror in Brasilien", "Gefängnisrevolte - 250 Geiseln!", "52 Tote bei Angriffen in Brasilien"... Die zurückgekehrte Ruhe in der Presse ist Folge ihres unstillbaren Hungers nach immer neuen Fakten und des gleichzeitig kleinen Appetites nach Informationen aus der südlichen Hemisphäre unserer Welt. Leider ist diese Stille nicht Konsequenz des gelösten Problems der Gewalt in São Paulo. Diese gärt und schwellt weiter an, verbreitet im Volk immer tiefer gehende Angst und zeigt immer unbehelligter die Fratze des organisierten Verbrechens.

Brasiliens Geschichte ist gezeichnet durch die Perversität ungleicher Verteilung. Immer wieder waren reduzierte Minderheiten bereit, militärische Diktaturen und systematische Verletzung der Menschenrechte als Mittel der Festigung ihrer Privilegien einzusetzen. Selbst die politische Demokratisierung Brasiliens der achtziger Jahre führte nicht zu einer gleichzeitigen Demokratisierung der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Rechte des brasilianischen Volkes. Zwar entstanden breite und entschiedene soziale Bewegungen (die brasilianische Landlosenbewegung ist nur ein Beispiel), doch die vertikale Struktur der brasilianischen Gesellschaft bleibt bis heute auf starkem Fuss.

Wenn Wenige ewig alleine die Sonne geniessen wollen, versucht die zum Schatten verdammte Mehrheit immer aufs Neue den Weg zur sonnigen Helle. Die Antwort der Wenigen aber ist die Hölle immer härter werdender Repression. Doch Gewalt ist eine Spirale. Und je grösser das Vakuum sozialer Gerechtigkeit umso kräftiger wird der Nährboden krimineller Ausbruchsversuche aus dem ewigen Status Quo.

So wurde im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte der Drogenhandel zur gesuchten Nische, um der Illegalität zum Trotz dennoch einen Platz an der Sonne des kapitalistischen Konsumismus zu erobern. Heute hat sich der Drogenhandel in Metropolen wie São Paulo oder Rio de Janeiro als mächtige Strukturen der Produktion und des Handels fest verankert. Sichtbarer Ausdruck dieser Macht in São Paulo ist das so genannte "Erste Hauptstadtkommando" (PCC - Primeiro Comando da Capital) als einerseits dominierende Mafia des Drogenhandels und andererseits als "Gewerkschaft" ihrer "Soldaten". Der PCC strukturiert lokal und regional ein intensives Netz des Waffen- und Drogenhandels, rekrutiert immer intensiver Jugendliche als Handlanger der kriminellen Aktivitäten und offeriert seien Mitgliedern juristische Begleitung und den Familien von Inhaftierten direkte finanzielle Unterstützung.

Ohne Strategie und ohne Intelligenz ist die Antwort des Bundesstaates von São Paulo ziellose Repression durch die Militärpolizei, für die ein Bewohner einer Favela am Rand der Stadt automatisch ein Mitglied oder mindestens ein Sympathisant des PCC ist. Die zweite Antwort ist die permanente Vergrösserung der Zahl der Gefängnisse, die dennoch stets überfüllt und zu einem beinahe unverwaltbaren Monster geworden sind. Der PCC schlägt zurück, steckt Busse in Brand, legt Bomben in Warenhäusern und Banken, schiesst auf Polizeistationen und gerichtliche Institutionen, legt wiederholt die ganze Stadt São Paulo lahm und versteckt das wahre Gesicht des organisierten Verbrechens hinter der Forderung nach Humanisierung der Gefängnisse. Letzte Woche entführte der PCC zwei Reporter des Fernsehkanals Globo und erpresste den Unterbruch des sonntäglichen Fernsehprogramms zur Abspielung eines Videos mit ihrem "politischen Manifest". Der Teufelskreis ist montiert, und die Spirale der Gewalt dreht immer verrückter.

Und mitten in diesem Kreuzfeuer versucht das Kinderrechtszentrum weiter seine Arbeit zu stärken. Wir intensivieren einerseits die Kontrolle der staatlichen Sozialpolitik, die mehr einer mangelhaften Feuerwehrübung gleicht, als dem Bedürfnis eines universalen Netzes der Sicherung der Menschenrechte entspricht. Andererseits setzen wir uns präventiv ein für die Kinder und Jugendlichen und ringen um jene Jugendlichen, die bereits in die Maschen des Drogenhandels gefallen sind. Mitten in diesem unerklärten Bürgerkrieg machen wir uns Feinde auf beiden Seiten. Wir prangern den Staat an, der das Ziel der Sicherung des sozialen Friedens bewusst verfehlt, und bekämpfen die Illusion des Ausweges aus dem Elend durch den Drogenhandel, der nur mehr Gewalt, verfrühten Tod und nie eine menschenwürdige Zukunft bringt. Wir begleiten Kinder, Jugendliche und ihre Familien und bauen an alternativen Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens: wo nicht die Unterdrückung die Privilegien einiger Wenigen fördert, sonder wo alle gemeinsam an der Verwirklichung der Würde aller arbeiten. "Eigentlich brauchen wir gar nicht viel", sagte gestern die Mutter von Fernando, der letzte Woche von der Militärpolizei erschossen wurde. "Alles was wir brauchen, ist ein wirkliches Miteinander und eine ehrliche Gemeinsamkeit!"

15. Mai 06: São Paulo - die Wellen der Gewalt überschlagen sich...
16. Mai 06: Am Tag danach...
(tuto)

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