line
line
 
line

erste Seite

wer sind wir

unsere Organisation

Kinderrechtszentrum Interlagos

Landlosenbewegung

Infos

poetische Ecke

schreiben Sie uns!

 

Alle sind wir Menschen und jeder von uns ist Menschheit

Echos aus der Arbeit im Kinderrechtszentrum Interlagos, São Paulo, Brasilien

Beat Wehrle, im November 2004

Jeder Punkt, an dem wir stehen, ist Ausgangspunkt des kommenden Weges und gleichzeitig auch Ort der Auswertung der genommenen Richtung und der Neuorientierung des gesuchten Sinnes. An einem solchen, ganz speziellen Punkt stehe ich heute. Bald zwanzig Jahre ist es her, seit ich für zwei Semester Theologiestudium nach Brasilien gekommen bin. Aus zwei Semestern wurden zwanzig Jahre, genau die Hälfte meines Lebens. Bis heute bin ich froh über den gewagten Schritt des träumenden Studenten, glücklich über die gelebte Zeit menschlicher Gemeinschaft in den Favelas, über die Zusammenarbeit mit den Volksbewegungen, über den kollektiven Aufbau von Projekten, über die Nähe zu Menschen, über den ungebrochenen Glauben an eine zu bauenden menschlicheren und würdigeren Zukunft.

So will ich Euch nicht mit einem technischen Bericht über die Effizienz aufgebauter Projekte und sozialer Strukturen ermüden, sondern erzählen über gelebte Erfahrungen des Lebens und des Zusammenlebens von und mit Menschen der Favelas aus der Südzone der Millionenstadt São Paulo. Diese punktuellen Erfahrungen sind wie Fenster, die Euch Einblick geben, in das Sein und Werden eines Volkes, das leben will, sich als Gemeinschaft zu organisieren und zu mobilisieren sucht, um geltend zu machen die Rechte der ausgeschlossenen Mehrheit.

Ich habe gelernt, dass viele Menschen an der alltäglich gelebten Folter materieller Armut zerbrechen und ins scheinbar endlose Loch entmenschlichenden Elends fallen. Elend ist entmenschlichend, weil es den Horizont der Hoffnung zerbricht, das Vertrauen auf den eigenen Selbstwert zerstört und den einzelnen zum Objekt eines mechanischen Fatalismus macht. Ich habe aber auch gelernt, dass Armut nicht immer, nicht notwendigerweise, nicht ausweglos zum Elend werden muss. Die gelebte Geschichte wird jeden Tag weiter geschrieben. Jeder kann und gemeinsam vermögen wir den Inhalt und den Ausdruck des zu Schreibenden beeinflussen: die freundschaftliche Nähe zum andern ist wegweisendes Alphabet, die zärtliche Geste der Umarmung ist revolutionierende Grammatik, das gemeinschaftliche Aufbrechen unterdrückender Ketten ist verändernde Literatur. Ich habe gelernt, dass das Netz menschlicher Beziehungen lernfähig ist. In der brasilianischen Gesellschaft sind die gelebten Beziehungen zwischen Volk und Elite, zwischen Mann und Frau zutiefst ungleich und autoritär. Die stille und widerstandslose Unterwerfung ob der Gewalt des Andern ist meist blosser Ausdruck nackter Überlebensstrategie. Umso beeindruckender sind die unzähligen Initiativen des Widerstandes und des Mutes, die Ungleichheit der sozialen Beziehungen zu auszugleichen, sich individuell und kollektiv als Subjekt der eigenen Geschichte zu verstehen und das kreative Wagnis suchender Schritte einzugehen.

Macht kommt von ‚machen’ und muss nicht unbedingt Unterdrückung sein. Macht auf portugiesisch (poder) kommt von ‚können’ und bedeutet nicht notwendigerweise Ausbeutung. In bewusst gelebter Gemeinschaft ‚können’ wir und ‚machen’ wir Schritte realer Veränderung. Die Zeit der Ohnmacht ist vorbei, der Bann des Fatalismus ist gebrochen. Wir können Mut und Zuversicht haben, wir machen Schritte in eine vermenschlichende Zukunft, denn am Horizont leuchtet uns ein wegweisender Stern. Der Stern unserer Träume und Hoffnungen, der Topos aller Utopien, der Ort aller scheinbaren Ortlosigkeit.

Entschuldigt die Einfachheit der menschlichen Erfahrungen, von denen ich Euch berichte. Sie sind wie Fingerabdrücke des täglichen Suchens und Werdens. Zeigen Konturen der Gewalt alltäglicher Wirklichkeit und zeichnen das Profil von Menschen, mit denen ich in der Vergangenheit unterwegs sein durfte.

Gemeinsam ist es möglich

Die Basisgemeinde São Francisco begann ganz klein. Maria brachte ihre Nachbarn zusammen, ihr kleines Zuhause war der Ort wöchentlicher Gemeinsamkeit und zog immer mehr Menschen an. Die Stube Marias wurde bald zu klein. Gemeinsam entschlossen sie sich, an einem der letzten freistehenden Flecken der explosiv wachsenden Favela einen Versammlungsraum zu bauen. Während Monaten sammelten sie Geld, jeder gab, was möglich war, teilten das Wenige, das sie hatten. Bald kam der erste Lastwagen mit Sand und Zement durch die engen Gassen der Favela. Der Bau konnte beginnen. Doch wie gross war die Enttäuschung, als am nächsten Morgen der Sandberg plötzlich viel kleiner geworden war. Trotzdem begann die gemeinsame Arbeit. Einige Wochen später kamen die Bausteine und alle sahen in ihrer Vorstellung die wachsenden Wände des einfachen Versammlungsraumes. Am Tag darauf jedoch der gleiche Schrecken: die Hälfte der Bausteine war wieder verschwunden. „Ich hole die Polizei“ meinte Sebastião. „Vor der Hütte von Fabiano habe ich Baumaterial gesehen, und er hat sicher kein Geld all das zu kaufen“ berichtet Nalva. „Wartet ab“ beruhigte Maria, ich werde mit Fabiano reden. Tatsächlich sah Maria versteckt unter einem schwarzen Plastik Sand und Bausteine vor der Hütte von Fabiano. Mutig klopfte sie an seine Tür. Mit finsterem  Blick öffnete Fabiano die Tür und fragte: „was willst du bei mir, Maria“? „Ich bin gekommen um mit dir zu reden, darf ich eintreten?“ Fabiano lies sie mit eingeschüchtertem Zögern ein. Maria setzte sich auf den wackligen Stuhl in der düsteren Hütte. Sie begann Fabiano zu erklären, dass sie begonnen haben, für alle einen Versammlungsraum zu bauen. Doch zur grossen Enttäuschung sei über Nacht ein grosser Teil des Baumaterials verschwunden. Fabiano öffnet erschrocken die durch den Alkohol rot gewordenen Augen. Maria wollte von ihm wissen, ob er bereit wäre, mitzuhelfen und hie und da nachts zu schauen, ob jemand unser Baumaterial holt. Ja natürlich helfe er, rief Fabiano erleichtert, Maria könne sicher sein, dass kein Baumaterial mehr gestohlen werde. Tatsächlich war das Problem behoben und kein Baumaterial ist mehr verschwunden. Verantwortung zu teilen, alle mit einzubeziehen in die gemeinsame Arbeit ist besser als urteilen, zurechtweisen und ausschliessen.

Auch in den Favelas Da Paz, Autódromo, Silveira und Marabá wurden einfache Strukturen aufgebaut, welche Initiativen gemeinschaftlicher Organisation ermöglichen. Ein kleines Haus, ein einfacher Raum wird zur Lunge, die Sauerstoff in vitale Energie verwandelt. Frauen setzen sich für den Aufbau von Kinderkrippen ein, damit sie arbeiten können und ihre Kinder gleichzeitig nicht dem Risiko der Strasse ausgesetzt sind. Schulbegleitende Kurse und Berufsausbildungen entstehen, Erwachsene mobilisieren sich in Alphabetisierungsgruppen.

Die unsagbare Sprache der Kinderzeichnungen

Immer im Juni organisiert die Favela do Autódromo die in ganz Brasilien beliebten Junifeste. Teil des Festes ist ein grosses Feuer zu Ehren der Heiligen Petrus und Johannes. Diesmal bekam die Basisgemeinde von einer benachbarten Fabrik eine Menge Holzabfälle, welche einen ganz speziellen Höhepunkt garantierten. Am Montag nach dem Fest zeichneten die Kinder der Krippe der Favela do Autódromo ihre farbigen Eindrücke des Festes. Nur Antonio blieb bewegungslos vor seinem leeren Blatt Papier und malte keinen Strich. Kindergärtnerin Juliana, selbst in der Favela wohnhaft, ging auf Antonio zu und fragte: willst du nicht etwas zeichnen, das dir an unserm Fest gefallen hat? Ich möchte schon, erwiderte Antonio mit funkelnden Augen. Ich würde so gerne das wunderschöne Feuer zeichnen, doch es geht nicht, das Feuer war so gross, dass es unmöglich auf einem Blatt Papier Platz hat!

Zeichnen ist für Kinder ein erster Schritt kreativer Bestätigung. Deshalb suchte Fabio seine Zeichnung unter den an der Wand der Kinderkrippe der Favela da Paz ausgestellten, farbigen Ausdrücken kindlichen Schaffens. Die Enttäuschung war gross, die Zeichnungen aller waren da, nur die seine fehlte. Wie sieht denn deine aus, fragte besorgt die Kindergärtnerin. Ich habe ein Quadrat mit Gitter gezeichnet, sagte Fabio mit zittriger Stimme. Bewusst der Wichtigkeit, Fabios Zeichnung zu finden, begann die Kindergärtnerin im Stapel unzähliger Papiere zu suchen. Da ist sie, rief Fabio in grosser Freude: mein Quadrat mit Gitter. Was willst du mit dem gezeichneten Quadrat und dem Gitter, fragte die Kindergärtnerin. Erstaunt über ihr Unverständnis erklärte Fabio: ich habe den Ort gezeichnet, wo ich gestern meinen Vater besucht habe. Für Fabio war die Zeichnung die Vergegenwärtigung jener Beziehung, welche die Spirale der Gewalt unterbrochen hat. Falsche Illusionen und scheinbare Träume werden allen Brasilianern durch die unzähligen Telenovelas ins Haus geliefert. Zugang zu den Mitteln, im Alltag eben diese Illusionen und Träume zu verwirklichen, haben jedoch immer weniger. Träume werden sozialisiert, die Mittel, sie zu verwirklichen, privatisiert. In dieser Spannung findet die wachsende Gewalt immer stärkeren Aufschwung. Kriminalität, Drogenhandel, organisiertes Verbrechen sind ihre Konsequenzen. Auch Fabios Vater war mitten im Sog der Spirale der Gewalt. Seit zwei Jahren im Gefängnis weiss er, dass dieser Weg immer eine Sackgasse ist. Die Nähe zu Fabio und zur ganzen Familie fehlt ihm. Die Gegenwart ist im Quadrat und im Gitter festgehalten. Die mögliche Zukunft in der Freude der hoffnungsvollen Farben, mit denen Fabio die gelebte Wirklichkeit gezeichnet hat.

Im Lesen und Schreiben öffnet sich eine neue Zukunft

Sandra hat eben ihren sechzigsten Geburtstag gefeiert. Trotzdem sitzt sie im Schulbank des Gemeinschaftszentrums der Favela Marabá. Nie ist es zu spät, lesen und schreiben zu lernen, sagt sie bestimmt. Ich hatte nie die Möglichkeit, in die Schule zu gehen. Schon als Kind musste ich auf dem Felde arbeiten. Später zog ich mit meiner Familie nach São Paulo, weil der Grossgrundbesitzer uns vertrieb. Arbeit fand ich als Putzfrau, doch Kraft, gleichzeitig in die Schule zu gehen, hatte ich nicht. Heute verkaufe ich Kuchen auf der Strasse. Lesen und Schreiben will ich lernen, weil ich unabhängig sein will. Für Sandra hat der Alfabetungskurs nicht das Ziel, ihre beruflichen Möglichkeiten zu verbessern. Vielmehr geht es ihr darum, ihr Selbstwertgefühl zu stärken, die Gewissheit der eigenen, unantastbaren Würde zu festigen. Nach wenigen Momenten ist für Sandra der grosse Augenblick gekommen. Vor versammelter Basisgemeinde nimmt sie die Bibel in die Hand und liest langsam und sicher vor: „Den Armen bringe ich eine Gute Nachricht, den Gefangenen verkünde ich die Entlassung. Blinde erlangen das Augenlicht, und die Zerschlagenen setze ich in Freiheit (...) Dann schloss Jesus das Buch (...) und sagte: Heute hat sich dieses Wort erfüllt!“ Der aktive Ausdruck ihrer gelebten Religiosität ist weder Flucht aus dem Leben, noch Vertrösten auf ein unendlich weit entferntes Jenseits. Für Sandra ist die Mitbeteiligung am Leben der Basisgemeinde die Bestätigung, eigene Schritte wagen zu können und auf ihrem Weg Halt zu finden im Netz gemeinschaftlicher Beziehungen. Heute liest Sandra ihre Geschichte anders und schreibt verändert ihre kommende Zukunft.

Zurück in die Zukunft!

Pedro arbeitete zusammen mit seiner Familie an allen Wochenenden während fünf Jahren am gemeinsamen Bau von ihren zukünftigen Wohnhäusern. Zweihundert Familien hatten sich als lokale Wohnbewegung zusammen geschlossen und errangen von der Gemeinde São Paulo die Möglichkeit, mit öffentlicher Finanzierung ihre Häuser in gemeinschaftlicher Arbeit zu bauen. Natürlich ging es nicht nur ums Haus. Der Bau der Häuser war der unmittelbare Horizont des Aufbaus eines lokal selbstverwalteten und gemeinschaftlich organisierten Quartiers. Die Nachbarn waren keine anonymen Leute, sondern Menschen, die miteinander unterwegs waren. Verglichen mit der Vergangenheit in der Favela Nascente hatte sich das Leben der Familie von Pedro zutiefst verändert. Das gemeinsam gebaute Haus wurde zum Höhepunkt des langen Weges, vom Landesinneren des Nordostens Brasiliens nach São Paulo, vom landlosen Landarbeiter zum Angestellten in der Metallindustrie. Kaum ein Jahr verging und Pedro wurde arbeitslos. Jeden Tag ging er von Firma zu Firma auf Arbeitssuche, doch er hörte immer dasselbe: ach mit vierzig bist du zu alt, um einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Die dreimonatige Frist der Arbeitslosenversicherung war schnell vorbei, aber Arbeit fand Pedro keine. So verwandelte er seine Stube in einen kleinen Laden, verkaufte Brot, Milch und Kleinigkeiten für den Haushalt. Zwar fehlte der Familie das Nötigste nie, doch die alltägliche Freude und die in die Zukunft weisende Zuversicht verflogen jeden Tag mehr.

Besorgt geht Pedro an die Versammlung seiner Wohnvereinigung. Sein Quartier gehört zum Netz einer regional aufgebauten Konsumgenossenschaft, welche vergünstigten Zugang zu Reis und Bohnen ermöglicht. Reis und Bohnen, die Grundnahrungsmittel des brasilianischen Volkes, kommen direkt von den Genossenschaften der Brasilianischen Bewegung landloser Bauern (Movimento Sem Terra) in die Basisgruppen und Organisationen der Favelas und Quartiere der Südzone von São Paulo. In der monatlichen Versammlung werden die Bande zwischen Stadt und Land gestärkt. Doch diesmal ging es nicht nur um die Kommerzialisierung von Reis und Bohnen. Mitten im Raum steht Marcia, Mitglied der Landlosenbewegung, und erzählt von ihrer Arbeit, vom schwierigen Kampf um die Verwirklichung der selbst in der Verfassung verankerten Landreform. Am Schluss ihrer Gedanken eine ganz unerwartete Einladung: die Landlosenbewegung lädt alle Arbeitslosen der Stadt ein, auf organisierte Weise den Weg aufs Land zurück zu wagen. Pedro geht mit verwirrten Ideen im Kopf nach Hause. Die Diskussion mit der ganzen Familie füllt die ganze Nacht. Seit dem langsam gereiften Entschluss sind bereits Jahre vergangen. Pedro und seine Familie haben São Paulo verlassen und sind innerhalb eines Dorfes ehemals landloser Bauern neu angesiedelt. Brachgelegener Boden wurde der spekulationsgierigen Hand des Grossgrundbesitzes entrissen. Mit vereinigter Kraft zeichnete die Landlosenbewegung erste Furchen in den harten Boden. Verhärtete Wirklichkeiten, scheinbar unantastbare soziale Missstände wurden aufgebrochen. Und aus den gezeichneten Furchen der ersten Äcker begannen Reis und Bohnen zu spriessen. Was für Pedro die Landreform bedeutet, fasst er poetisch in wenigen Worten zusammen: Mais comida na panela, menos gente na favela (Mehr Essen im Teller, weniger Menschen in der Favela)!

Die Arbeit im Kinderrechtszentrum: Projektarbeit als Insel, die zum Kontinent werden will!

Jede Arbeit in einem Projekt gleicht am Anfang immer einer Insel. Ein kleiner Fleck in einem unermesslichen Meer von Bedürfnissen und Herausforderungen. Mitten in den immer gleich schlagenden Wellen des Alltages, wo kaum mehr jemand glaubt, dass etwas anderes möglich sein kann, als das unaufhaltbare Auf und Ab des tobenden Wassers. Ein Projekt ist eine Insel. Ein Versuch, die Routine des Fatalismus zu brechen, die Mechanik einer scheinbar determinierten Welt in Frage zu stellen. Wir stehen dort, wo wir stehen, weil die gemachten Schritte uns genau zu diesem Punkt gebracht haben. Und wenn wir soweit gekommen sind, dann können wir auch weitere Schritte wagen. Alles was ist, ist nur deshalb, weil es geworden ist in der Zeit und in der Geschichte. Und wenn es geworden ist, dann kann es auch wieder anders werden. Das Sein ist Werden und Werden ist Verändern. Die Essenz eines Projektes ist es also, sich mit dem gelebten und oft erlittenen Ist-Zustand nicht zufrieden zu geben, mehr zu wollen, mehr zu sein, menschlicher zu werden.

Die im Kinderrechtszentrum von Interlagos aufgebaute Projektarbeit ist auch eine kleine Insel, ein winziger Fleck Boden in einem brausenden Meer. Oder umgekehrt gesagt: ein Tropfen auf dem heissen Stein. Ein solches Inselsein zu wagen, ist ein erster, guter und wichtiger Schritt. Es ist ein Schrei, der die erdrückende Stille beendet. Eine Hoffnung, die als Samen aufbricht in der Erde trotz aller Dunkelheit. Es ist der Mut, neue Worte zu wagen, wo viele meinen, das letzte Wort sei bereits gesprochen. Es ist die Herausforderung, verwirrende Zusammenhänge zu durchschauen, die Ursachen der Wirklichkeit zu ertasten, um neue Wirkungen zu proben. Wo Tausende von Jugendlichen leichte Opfer des Drogenhandels und des organisierten Verbrechens sind, finden einige Hunderte die Möglichkeit, an einem anderen Leben mit Sinn und Richtung zu bauen. Wo Tausende von Familien am Elend zerbrechen, finden einige Hunderte Begleitung und Orientierung. Wie gesagt: eine Insel also. Eine Insel, die neue Wege zeigt, die Meere durchbricht, die Mut macht, den Exodus zu wagen.

Insel zu sein, ist richtig und wichtig. Immer jedoch nur Insel bleiben zu wollen, ist Flucht und Isolation. Denn gerade weil Projekte Versuche sind, neue Schritte zu wagen, dürfen jene, die neue Wege finden, diese nicht als ihr Privateigentum für sich behalten. Wenn Inseln im Meer wie Tropfen sind auf heissem Stein, dann müssen sie sich verbinden, sich im Austausch bereichern, sich verknüpfen, zum Netz werden. Gerade damit sie jenen herausfordern können, der das Wohle aller pflegen soll: der Staat. Die Aufgabe eines Projektes ist es nie, den abwesenden Staat zu ersetzen, sondern Laboratorium zu sein für Möglichkeiten, die in breiter Form - nicht als Insel, sondern als Kontinente - nur vom Staat als Sozialpolitik verwirklicht werden können.

Der Sprung vom Projekt zur öffentlichen Sozialpolitik ist natürlich riesig und die Gelegenheiten, einen solchen Sprung zu wagen, eher selten. Darum hat das Kinderrechtszentrum von Interlagos die Möglichkeit beim "Schopf gepackt", ausgehend von den gemachten Erfahrungen der Arbeit mit Jugendlichen in persönlicher und sozialer Not, im Sozialamt der Stadt São Paulo am Aufbau einer spezifischen Sozialpolitik zu arbeiten. So bin ich seit Februar 2003 als direkter Berater der Vorsteherin des Sozialamtes der Stadt São Paulo tätig. Meine Aufgabe ist der Aufbau eines Modells, welches die lokal gemachten Erfahrungen den Jugendlichen der gesamten Stadt zugänglich machen soll. Der erste Schritt war die Verwirklichung von unzähligen Studien und Seminaren, partizipative Arbeit mit Organisationen, Volksbewegungen, Gruppen und staatlichen Institutionen. Der zweite Schritt sind die schwierigen und langwierigen Verhandlungen zwischen Gemeinde, Bundesstaat und Nationalregierung, um die nötige Finanzierung des erarbeiteten Modells zu sichern.

Ich selber hatte mir zeitlich eine klare Frist gesetzt. Ende Oktober habe ich meine Beraterfunktion nach zwanzig intensiven Monaten wieder abgeben. Ich will nicht zum Beamten werden, sondern will immer weiter an immer neuen Inseln arbeiten. Ich bin froh und zufrieden, trotz aller Ermüdung mitten in einem bürokratischen Apparat, der sich nur schwer und langsam mit neuen Herausforderungen identifiziert, und am Liebsten doch um den eigenen Schwanz tanzen würde. Trotz dieser strukturellen Schwierigkeiten ist doch viel möglich geworden. In drei Stadtregionen wird das am Kinderrechtszentrum Interlagos inspirierte Modell jetzt aufgebaut. Bis mitte 2006 soll die ganze Stadt mit diesem Programm abgedeckt sein. 

Der Ball ist ins Rollen gekommen, die Insel wächst. Bis sie zum Kontinent wird, braucht es noch weiter Druck und Mobilisation der Organisationen und Volksbewegungen. In ihrem Dienst steht meine Arbeit: mitten unter  Menschen, die ihr Leben als Unterwegssein verstehen, bin ich zu hause. Mit ihnen bleibe ich auf dem Weg und gemeinsam wagen wir weitere Schritte. Auf dass das Leben auf entstehenden Kontinenten immer menschlicher werden kann!

 

Bereit zu neuen Herausforderungen

Noch vor wenigen Jahren war Luciana ganz einfach ein Mädchen einer Favela: gezeichnet durch die Gewalt der alltäglich erlittenen Wirklichkeit, ungewiss der sie erwartenden Zukunft. Heute ist Luciana Rechtsanwältin des Kinderrechtszentrums von Interlagos. Sie leitet die juristische Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Familien. Sie begleitet Organisationen, Projekte und Bewegungen und weiss Auskunft über die Rechte der Kinder und Jugendlichen. Möglich geworden ist dieser unerwartete Weg dank der tatkräftigen Mithilfe von zwei Freunden aus der Schweiz. Sie hatten sich entschlossen, das Studium von einem Menschen zu finanzieren. Entscheidend war der Wille und die Kraft von Luciana, den Schritt zu wagen und durchzustehen in den fünf langen Jahren des intensiven Studiums. Sie hat es geschafft. Die Ungewissheit der sie erwartenden Zukunft hat sie nicht mehr. Denn sie weiss, dass nicht einfach auf die Zukunft warten kann. Auch die Zukunft wartet auf sie! So ist Luciana zu einer wichtigen Stütze geworden im Kinderrechtszentrum. Mit ihr ist das Team weiter gewachsen, und wir bereiten uns gemeinsam auf die nächste Herausforderung vor: in Zusammenarbeit mit der Menschenrechtskommission der Gemeinde São Paulo ist das Kinderrechtszentrum Interlagos verantwortlich für den Aufbau eines Schutzprogrammes für bedrohte Kinder und Jugendliche. Viele Kinder und Jugendliche sind Zeugen der Gewalt in der Familie, des organisierten Verbrechen, der Militärpolizei. Viele sind gefangen in den Maschen des Drogenhandels. Die Bedrohung ihres Lebens ist oft Teil dieses Teufelskreises. Damit sie aus diesem Teufelkreis ausbrechen können, muss ihr Leben vor den vielseitigen Bedrohungen geschützt werden. Genau das ist die Aufgabe des aufzubauenden Schutzprogrammes. Eine Herausforderung, die in den nächsten Monaten viel Kraft brauchen wird!

Die wirtschaftlichen und politischen Zusammenhänge sind komplex, die sozialen Verflechtungen undurchsichtig. Ursachen und Wirkungen bilden einen Teppich voller Knoten, in dem der Einzelne sich allein und machtlos als winzger Faden empfindet. Die Zukunft gleicht oft einem Zug auf bereits gelegten Schienen, welche keinen andern Weg als jenen vorbestimmten ermöglichen. Die Kraft des einzelnen scheint vor der Macht der Bestimmenden zu verdampfen, die Energie kleiner Gruppen scheint dem vermeintlich gegebenen Drang der Zeit kaum beeinflussen zu können. Wenn ich mich vor der Komplexität der Wirklichkeit so hilflos machtlos erlebe, dann erinnere ich mich gerne an die Geschichte von Adam und Eva. Sie reduziert die Möglichkeit der Entscheidung auf den Entschluss zweier Menschen. Ihre Option wird in der Geschichte zum endgültigen Rahmen der Menschheit. So sind wir sicher weder nichts noch alles. Sondern spezifischer Teil eines organischen Ganzen. Jeder von uns ist eingebunden ins Netz der Beziehungen zwischen Menschen und mit der Erde als Ort unseres Seins. Alle sind wir Menschen und jeder ist Menschheit. Nicht alles können wir, doch haben wir die Möglichkeit, mehr als nichts zu tun. Darum ist es gut, das mögliche zu wagen.

Ich habe Euch von einigen menschlichen Erfahrungen erzählt. Immer wieder höre ich von Eueren Erfahrungen, erfahre ich von Eueren Initiativen. Im Austausch des gegenseitigen Tun und Wirken, Werden und Arbeiten finden wir Kraft, uns alle im stetigen unterwegs sein zu erfahren. Gemeinsam können wir der scheinbar gegebenen Richtung der verankerten Schienen des Zuges unserer Geschichte einen anderen Sinn geben: wegweisend für die andere Welt, die möglich ist.

Ich danke Euch allen für die Zeichen der Freundschaft, für die vielfarbigen Ausdrücke Euerer Verbundenheit und die Kraft begleitender Nähe.

Mit meiner herzlichen Umarmung!

Beat Wehrle

Zurück zu 'Infos Rundbriefe'

 
Ciao